Abschnitt ErDa-4 - Alle Möglichkeiten erfahren:

IV. 12. Die Lehre des Huhns .

zuletzt geändert am 19. Februar 2016
Vor unendlich langer Zeit, in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, war ich auch schon Schullehrer, und zwar ebenso wie heute auch damals bereits hier an den Beruflichen Schulen Gelnhausen. Da mein Chef damals sagte, ich sei noch jung und belastungsfähig, bekam ich die Schüler, die einen belastungsfähigen Lehrer brauchten, Jugendliche ohne Hauptschulabschluss und ohne Ausbildungsstelle.

Und damals, in den 70er Jahren, hatte ich auch noch ein ähnliches Verhältnis zu Hühnern, wie es die meisten Menschen in diesem Land bis auf den heutigen Tag haben. Ich traf sie in erster Linie, wenn sie knusprig gebraten waren und auf einem Teller lagen.

Damals hatte ich eine Großmutter, eine Ehefrau, zwei kleine Töchter und einen Wohnwagen, letzterer stand außerhalb der Schulferien auf einem kleinen Campingplatz in Bad Mergentheim. Der Platz war gerade so groß, dass die beiden kleinen Mädchen dort frei herumlaufen konnten, ohne verloren zu gehen. Denn der Campingplatz hatte nur einen einzigen Weg. Auf beiden Seiten und am hinteren Ende war ein Wall mit einem Zaun darauf, nur vorne war ein Eingang.

Und einzig und allein nur aus dem Grund, damit meine Mädels nicht abhanden kommen konnten, saß ich dort an diesem Eingang, las etwas und passte auf, dass sie den Platz nicht verließen. Natürlich traf es sich nicht schlecht, dass dort ein jugoslawischer Wirt (ja, dieses Land gab es damals noch) eine Gartenwirtschaft hatte, wo ich mich setzen konnte. Und damit der arme Mann auch schadlos gehalten wurde, ließ ich mich gewöhnlich dazu herab, dort ein Bier nach dem anderen in mich zu gießen, so selbstlos war ich damals.

Das alles wäre nun absolut nicht ungewöhnlich und entsprach so etwa dem Verhalten eines Durchschnittsdeutschen, wenn da nicht ein großer Hühnerstall mit freilaufenden Hühnern gewesen wäre. Wenn ich nicht gerade las, sah ich also über den Rand meines Bierglases den Hühnern bei ihrem Alltag zu. „Mann, sind die blöde,“ dachte ICH mir, ICH, der sich nicht nur seinen Schülern sondern eben auch den Hühnern und zugegebenermaßen auch sonst so ziemlich jedem anderen als überlegen ansah. Ich war eben der Normaldeutsche.

„Diese Hühner“, stellte ich fest, „sind genau so blöd wie meine Schüler. Sie gackern ständig durcheinander und eines hackt auf dem anderen rum.“

Und um einen noch besseren Vergleich mit meinen Schülern zu haben, teilte ich ihnen auch einige Arbeitsblätter aus, Fotokopien, die aus der letzten Woche noch übrig waren. „Tatsächlich, genau so blöd wie meine Schüler, die wissen absolut nichts Vernünftiges damit anzufangen, lesen nicht, scharren drauf rum, zerstören sie – echt, genau wie bei meinen Schülern,“ stellze ich in meiner Borniertheit fest.


Filmschnitt

Wir schreiben das Jahr 1992. Zwischen den beiden Ereignissen liegt einige Zeit und eine gewisse politische Karriere meinerseits, die sich gerade dem Ende zu neigte.

Inzwischen hatte ich eine etwas andere Beziehung zu Hühnern und auch zu Eiern. Ich war damals seit fast zehn Jahren Vegetarier und weigerte mich auch, Eier zweifelhafter Herkunft zu kaufen. Und da es damals noch keine Kennzeichnungspflicht für Eier gab, hatte ich einige Zeit ganz auf sie verzichtet.

Da meine inzwischen drei Kinder jedoch gerne Kuchen aßen, hatte ich mir selbst Hühner zugelegt. Die schliefen nachts in einem Kellerraum, von wo aus sie tags über eine Hühnerleiter in ein etwa 40 qm großes Freigehege gehen konnten. Und ich war wieder einmal auf bird-watching, auf Hühnerbeobachtung. Ich hatte kurz zuvor einen Fahrradunfall, bei dem sich mein Kopf mit 63 km/h in den Weg gekrallt hatte, nachdem ich ein Auto überfolgen hatte. Begreiflicherweise fühlte mich gar nicht gut. Also saß ich als Rekonvaleszent vor dem Hühnergehege und beobachtete einmal mehr die Hühner.

Und auch diesmal hatte ich nicht gerade besonders viel Hochachtung vor ihnen. Da ich meine Zeit inzwischen mehr in Regionalparlamenten als in der Schule verbrachte, hatte sich mein Vergleichsfeld der Hühnerbeobachtung etwas verschoben. Wieder sah ich alle durcheinander gackern und eines auf dem anderen herumhacken und für mich stand fest: „Sind die blöd, genau wie die Sozis“.

Das war damals so ziemlich die schlimmste Beschimpfung, die ich mir ausdenken konnte. Ich erinnere mich noch, wie einmal meine kleine Tochter furchtbar erbost über ihre Mutter war, und nach der unflätigsten Beschimpfung suchte, die sie nur kannte, um ihre Mutter z beschimpfen. Dabei fiel ihr offensichtlich ein Wort ein, das sie zwar nicht verstanden hatte, dessen moralische Bedeutung ihr jedoch ob der eleterlichen Gespräche klar gewesen sein musste, und so titulierte sie ihre darüber sichtlich belustigte Mutter mit: „Du, du Bundeskanzler, du!“ In etwa soviel Hochachtung hatte ich auch vor den Hühnern, als ich sie mit: „Wie die Sozis“ abklassifizierte.

Inzwischen hatte ich jedoch kein Bierglas mehr als Blickverstärker vor mir, sondern sah länger und genauer hin. Am zweiten Tag schon hatte sich mein Blick geschärft, ich begann differenziertes Verhalten in den Interaktionen der Hühner wahrzunehmen. Dementsprechend stufte ich sie in meiner Achtungsskala schon etwas herauf. „Naja,“, sagte ich ihnen, „ihr seid nicht so schlimm wie die Sozis. Ich muss euch Abbitte leisten, mehr so wie meine Schülerinnen in den Verkäuferinnen-Klassen.“ Das war zwar auch alles andere als ein Lob, aber doch keine solche Diffamierung wie sie mit Sozis zu vergleichen. Bitte schließt daraus nicht auf meine heutige Einstellung, wir sprechen hier von Werteskala eines damals noch nicht buddhistisch praktizierenden deutschen Studienrates.

Und so beobachtete ich weiter Hühner. Am dritten Tag hatte ich schon einen erheblich geschärften Blick, ich sah den Hühnern jetzt mit Interesse, mit Empathie, ja teilweise schon mit mitfühlendem Verständnis zu: Sieh an, das hätte auch mein Sohn gemacht haben können, und das Verhalten jenes Huhnes erinnerte mich doch sehr an die Mutter meiner Kinder. Ja, und wenn man nicht sieht, dass das, was dieses Huhn gerade gemacht hat, nicht ganz typisch für meine Tochter ist, dann muss man doch mit Blindheit geschlagen sein. Ich erkannte mehr und mehr Verhaltensweisen mir nahestehender Personen in diesen Vögeln.

Am nächsten Tag setzte ich mich mit großem Interesse vor den Hühnerstall. Welche Erkenntnisse würde ich wohl heute gewinnen? Und diesmal kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Es war wie ein Kabarett. Diese Hühner hatten doch offensichtlich vor, mir meine eigenen kleinen Absurditäten vorzuspielen. Die laufen da herum und spiegeln mich! Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Voller Spannung setzte ich mich auch am nächsten Tag wieder vor das Gehege. Das war der Tag, an dem ich begann, von Hühnern zu lernen. Nein, das stimmt nicht. Die Hühner waren alle sehr verschieden, ein jedes hatte seine Individualität. Auch Hühner stehen spirituell nicht alle auf der gleichen Stufe.

Natürlich hatte inzwischen jedes Huhn seinen eigenen Namen. Das nach wie vor blödeste Huhn, das immer auf den Schwächsten, am liebsten auf einem behinderten Huhn herumhackte, hieß „der blöde Huhn Adolf“. Das war naheliegend, denn ihm hing der Kamm schräg ins Gesicht,  was an die wohlbekannte Frisur des Führers erinnerte. Am anderen Ende der Skala stand das Dudelhuhn; es hatte seinen Namen von einer Figur aus der Augsburger Puppenkiste, der es ähnlich sah, auch die Stimme hatte eine gewisse Ähnlichkeit.

Das Dudelhuhn war schon älter und hatte verkrüppelte Füße, sodass es nur schlecht laufen konnte. Wenn morgens das Freigehege geöffnet wurde und die Hühner zur Fütterung herausrannten, kam natürlich auch der Hahn herausgestürmt, dem es allerdings weniger auf das Futter ankam, denn er hatte nach der langen Nacht, die er wie alle diese Vögel aufgebäumt auf einem Gestell verbracht hatte, jetzt erst einmal ganz andere Bedürfnisse - und er fand das Dudelhuhn, das in Wirklichkeit einmal seine Glucke war, ausgesprochen attraktiv.

Die Beziehung war jedoch von sehr einseitiger Natur, denn wenn der ungestüme Hahn das alte Huhn mit den verkrüppelten Füßen besprang, konnte dieses sich nicht auf den Beinen halten und auch die heftigen Bewegungen schienen dem alten Tier sichtlich Schmerzen zu bereiten, wie ich früher festgestellt hatte. Das schien der Hahn aber gar nicht zu bemerken, und wenn doch, so interessierte es ihn überhaupt nicht. Dieser war überhaupt sehr einseitig interessiert. Wenn jemand nicht weiß, warum im tibetischen Lebensrad der Hahn das Symbol von Gier ist, dann empfehle ich einmal eine morgendliche Meditation am Hühnergehege.

Jetzt aber gab es das Problem für das Dudelhuhn nicht mehr. In der Zeit, in der ich meine Hühnerbetrachtungen anstellte - ich nenne sie übrigens lieber: meine Hühnermeditation - in dieser Zeit also ging das Dudelhuhn als letztes die Hühnerleiter hoch, wenn es kein Gedränge mehr gab, stellte sich dann in das Kellerfenster, durch das der Hühnerpfad ins Freigehege ging, und betrachtete achtsam, was sich dort abspielte. In dem Kellerfenster war es zu niedrig, als dass der Hahn es bespringen konnte, was das Dudelhuhn offensichtlich in achtsam-analytischer Betrachtung herausgefunden hatte.

Das Dudelhuhn stand da und beobachtete ganz genau – einerseits wie das verstreute Hühnerfutter allmählich weniger wurde, andererseits wie die Gier des Hahnes nach ungefähr vier bis sechs Hühnern deutlich nachließ. Und so passte das Dudelhuhn diese Gelegenheit und die Tatsache, dass der Hahn gerade in einer anderen Ecke des Geheges beschäftigt war, beim Schopf, um alsdann ihr Frühstück einzunehmen – nicht ohne sich achtsam und wissensklar ihres Umfeldes bewusst zu sein. Hinterher begab sie sich zu einem Unterstand (dieser war recht flach, ein Huhn passt rein, kein Hahn darüber).

Ich sah auch, wie sich das Dudelhuhn anderer annahm. Besonders fürsorglich beispielsweise, als ein Huhn krank war und nachts nicht in den schützenden Keller konnte. Das Dudelhuhn blieb bei der kranken Henne, nahm sie unter einen ihrer Flügel und wärmte sie mit dem eigenen Körper. Als wenige Tage später das kranke Huhn verstorben war, nahm das Dudelhuhn den Flügel weg und wachte noch drei Tage und Nächte bei dem toten Tier und verscheuchte jeden, der sich der Toten näherte - auch mich.

Erst nach drei Tagen ging das Dudelhuhn wieder in den Keller. Ich begrub das tote Huhn in einer abgelegenen Stelle des Freigeheges, stampfte den Boden fest, legte Grasbüschel und einen Stein dorthin, damit man das kleine Grab nicht erkennen konnte. Allein das Dudelhuhn kam am nächsten Morgen in das Freigehege und ging schnurstracks dorthin, wo seine Freundin begraben war, richte mit dem Schnabel ein paar Gräser des Grasbüschels wieder hübsch auf, fast als wolle sie Blumen auf das Grab legen und ließ sich daneben nieder. Es besuchte auch später noch regelmäßig diesen Platz, um dort in Andacht zu verweilen.

Ich aber war tief beeindruckt von der spirituellen Reife, der Achtsamkeit und der Umsicht dieses Huhnes und sagte mir, es sei auch für mich an der Zeit, an meiner spirituellen Entwicklung zu arbeiten. So begann meine Suche. Wenige Wochen später hatte ich den Dharma gefunden.

Das klang jetzt ganz nach dem Ende der Geschichte, dem ist auch so, allerdings gibt es noch einen


Epilog

Jahre später, es war der Tag an dem meine jüngere Tochter heiratete, bekam ich während der Hochzeitsfeier furchtbare Kopfschmerzen. So starke Schmerzen hatte ich ewig nicht mehr, ich musste sogar die Feier verlassen, nach Hause gehen und mich unter Schüttelfrost ins Bett legen. Am nächsten Tag ging es mir besser, aber das Dudelhuhn war tot. Ich weiß nicht genau, was sich dort auf geistiger Ebene abspielte, aber offensichtlich war die spirituelle Verbindung zwischen meiner Lehrerin und mir ziemlich intensiv.

Dankbar gedenke ich meiner gefiederten Dharma-Lehrerin, dem Huhn, das Weisheit und Mitgefühl gleichermaßen verkörperte. Und wenn irgendjemand behauptet, anders als Engel hätten Bodhisattvas niemals Flügel – ich weiß es besser.


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