II. 9. 9. Der vierte ethische Vorsatz
…und nichts als die Wahrheit .
letzte Änderungen am 24. Januar 2016
Bislang haben wir uns mit den ersten drei der fünf Vorsätze beschäftigt, in denen es um unser Verhältnis zu Gewalt, zu Eigentum und zu Sinnenlust ging. Diesen drei war gemeinsam, dass es um körperliches Handeln ging. Beim vierten Vorsatz, mit dem wir uns in diesem und dem nächsten Beitrag befassen werden, geht es um Handeln auf der sprachlichen Ebene und heute ganz konkret um den Umgang mit der Wahrheit. Beim nächsten Mal werden wir uns dann damit zu befassen haben, worauf wir – neben der Wahrheit – beim Reden noch achten sollten.

Heute also der Vorsatz, der auf Pali heißt:

musavada veramani sikkhapadam samadiyami,

auf Deutsch: Ich nehme mir vor aufzuhören, die Unwahrheit zu sagen. Und wie wir wissen, gibt es all diese Vorsätze nicht nur in der negativen Formulierung, sondern auch in der positiven, und hierbei rezitieren wir diesen Vorsatz üblicherweise so: „Mit ehrlicher und wahrhaftiger Sprache läutere ich meine Rede“.

Es stellt sich also die Frage, warum sollen wir eigentlich nicht die Unwahrheit sagen? Diese ethischen Empfehlungen machen ja nur dadurch Sinn, wenn durch ihre Nichtbeachtung andere Wesen geschädigt werden. Worin liegt also der Schaden bei der Lüge?

Der Schaden liegt darin, dass ich versuche jemanden zu täuschen. Und warum tue ich das? Nun, ich tue es vermutlich, weil ich mir so erhoffe, einen Vorteil auf Kosten eines Dritten zu bekommen. Wenn mich meine Mutter also vor mehr als sechzig Jahren fragte: „Horst, warst du etwa wieder am Kühlschrank und hast in die Butter gebissen?“ Und wenn ich dann verneinte, so tat ich das wohl, weil ich einem Tadel oder einer Strafe ausweichen wollte und hoffte, der Verdacht würde dann auf jemanden anderen fallen.

Genau wie bei den vorigen drei ethischen Empfehlungen auch, geht es also darum, dem egoistischen Impuls, mir einen Vorteil auf Kosten anderer zu verschaffen, nicht nachzugeben und damit das Glück und das Wohlergehen der anderen genauso hoch einzuschätzen, wie mein eigenes. Auch diese Handlungsempfehlung ähnelt der des Christentums, denn im Dekalog, den sog. Zehn Geboten heißt es: „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider Deinen Nächsten“ (im Exodus – oder 2. Buch Mose – 20,16).

Man könnte sogar der Auffassung sein, dass das mosaische Gebot klarer sei, denn wenn es darin heißt „wider Deinen Nächsten“, dann wird der Wunsch des Nichtschädigens deutlicher, als es in der Formulierung des Buddha der Fall ist.

Allerdings sind die buddhistischen Formulierungen bewusst unscharf gehalten, damit wir genau reflektieren können, ob wir nicht vielleicht gegen den Sinn des Gebotes verstoßen. Als ich noch klein, dumm und katholisch war, hätte ich in dem Beispiel mit dem Butterbiss nämlich argumentiert, dass ich gar kein falsches Zeugnis wider meinen Nächsten abgelegt hätte, schließlich habe ich ja nicht gesagt: „Nein, Mama, ich war´s nicht, es war der Papa.“ Das wäre in der Tat ein falsches Zeugnis wider meinen Vater, also zu seinem Nachteil gewesen – wenn es meine Mutter geglaubt hätte, natürlich nur.

Ich fühlte mich also als kleiner, dummer Katholik durchaus im Recht: ich habe gegen niemanden falsches Zeugnis abgelegt, mir aber erst einmal den Vorteil verschafft, nicht der mütterlichen Strafverfolgung anheim zu fallen. Und wenn ihr nun behauptet, so verquer würde niemand denken, dann muss ich euch leider sagen: genau so habe ich damals gedacht und mich damit voll im göttlichen Recht gesehen. Und ich gehe davon aus, dass viele Menschen ähnlich denken, wenn sie es auch nicht so deutlich aussprechen würden.

Wir neigen dazu, uns Ausreden vor unserem eigenen Gewissen auszudenken.
Ehrliche und wahrhaftige Sprache aber war es nun wirklich nicht, wenn ich den Butterbiss ableugnete. Man verstößt offensichtlich immer dann gegen den Vorsatz, ehrlich und wahrhaftig zu sprechen, wenn man versucht, einen anderen Eindruck zu erwecken, als es den Tatsachen entspricht. Das entspricht im Übrigen sehr genau der angelsächsischen gerichtlichen Eidesformel, bei der der Zeuge schwört: „die Wahrheit, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ (the truth, the whole truth and nothing but the truth) zu sprechen.

Ich finde diese Eidesformel sehr bemerkenswert. Neben der Wahrheit, auf die der Zeuge vereidigt wird, wird nämlich der Deutlichkeit halber auf die „reine Wahrheit“ „the whole truth“ verwiesen, der Zeuge wird also auch ermahnt, nichts zu verschweigen. Diese Verpflichtung auf die „volle Wahrheit“ ist übrigens das gleiche was in der buddhistischen Formel mit dem Hendiadyoyn „ehrlicher und wahrhaftiger“ ausgedrückt werden soll. Wichtig ist also auch, dass der Sinn nicht durch Weglassen verzerrt wird.

Ich kann mich sehr genau daran erinnern, dass ich mir in meiner Zeit als Politiker vorgemacht habe, immer die Wahrheit gesprochen zu haben, allerdings habe ich häufig Tatsachen, die meiner Argumentation widersprachen, weggelassen, schließlich wollte ich dem politischen Gegner keine Steilvorlagen geben. Das ist der Unterschied zwischen Wahrheit und „voller Wahrheit“ und das kann mitunter ganz schön entstellend sein.

Ich möchte ein Beispiel aus der in solchen Fällen immer wieder gut ins Bild passende BILD-Zeitung für eine solche Vergewaltigung der Wahrheit durch Weglassen zur Illustration erwähnen. Die Bildzeitung versuchte häufig, den früheren SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner, der vor 1945 tatsächlich einmal der KPD angehörte, als Kommunisten und Steigbügelhalter des Kommunismus zu denunzieren. So zeigte sie einmal ein Bild, auf dem Wehner zusammen mit dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Honecker abgebildet war, beide saßen zusammen am Tisch und lachten herzlich.

Die beabsichtigte Wirkung war wohl: da sitzt dieser Kommunistenfreund Wehner beim Honecker und sie lachen sich eins vor Freude, weil Wehner wieder einmal die Bundesrepublik an die DDR verriet.

Das Bild war völlig echt, nichts war retuschiert, es zeigte die Wahrheit, aber eben nicht die volle Wahrheit, jene volle Wahrheit, die sich bei jenem Treffen am 31. Mai 1973 in Schorfheide unweit von Berlin abgespielt hatte. Der rechte Teil des Originalfotos war nämlich abgeschnitten; auf dem Originalfoto saß dort auch noch Wolfgang Mischnick, der Fraktionsvorsitzende der FDP im Bundestag. Die Wahrheit war also: der liberale Mischnick und der Sozialdemokrat Wehner verhielten sich in dieser Sache völlig gleich.

Das ist also der Unterschied zwischen der Wahrheit und der „vollen Wahrheit“. Nur allzu gerne manipulieren wir die Wahrheit durch Weglassen wesentlicher Informationen.

Eine ganz ähnliche Tendenz verfolgen wir, wenn wir zur Wahrheit alles Mögliche hinzufügen, um sie so zurechtzubiegen, dass sie uns in den Kram passt. Wir bauschen zum Beispiel etwas auf, das uns in besserem Licht dastehen lässt oder übertreiben die Unzulänglichkeiten anderer.

Auch hier eine kleine Anekdote aus meiner politischen Zeit, diesmal war ich nicht Täter sondern gewissermaßen Opfer. Meine kleiner Sohn kam damals ganz verstört von der Schule heim und fragte mich, was ich denn „wieder angestellt hätte“. Andere Kinder hätten in der Schule erzählt, in der Zeitung habe gestanden – das müssen sie wohl über die Gespräche ihrer Eltern so mitbekommen haben - „ich sei der schlimmste Mensch, der jemals in diesem Landkreis gelebt habe“.

Man kann mir sicher viel vorwerfen, aber das scheint mir doch leicht übertrieben. Und es zeigt auch, wie durch solche Art von Übertreibungen Leiden verursacht werden, denn meine Kinder fühlten sich damals in ihrem sozialen Umfeld isoliert, waren sie doch die Kinder von „so einem“. Wie das auf die Kinder gewirkt hat, wird deutlich wenn man berücksichtigt, dass mein Sohn wenige Wochen später – es war während des ersten Irakkrieges – bei einem Anruf geschockt war, denn mein Sohn Sydney glaubte, der Anrufer sei doch tatsächlich der irakische Diktator, das damalige Feindbild Nr. 1 des Westens, Saddam Hussein, und wollte mich sprechen: „Daddy“, so fragte er mich, „Warum hast du denn ausgerechnet den zum Essen eingeladen?“

Auch wenn das jetzt lustig klingt, so zeigt es doch, welche Probleme und Nöte Übertreibungen erzeugen können. Was muss in einem siebenjährigen Kind vorgehen, wenn es aufgrund von Presseübertreibungen glaubt, sein Vater kooperiere mit jemanden, der damals in der Presse als Weltfeind Nr. 1 galt? Tatsache war, dass ich einen arabischstämmigen Fraktionskollegen namens Hussein zum Essen eingeladen hatte, und der wollte mich telefonisch darauf hinweisen, dass er als Muslim kein Schweinefleisch essen darf.

Die Verwendung ehrlicher und wahrhaftiger Sprache ohne Beschönigung und ohne Übertreibung ist also das, was der Buddha seinen Laienanhänger empfiehlt.

Ein besonders problematischer Begriff ist der Ausdruck „Notlüge“, denn ohne die Not, dass einem die Wahrheit zu unbequem ist, würde niemand lügen. Der Begriff „Notlüge“ ist also ein typischer Versuch der Rationalisierung, mit dem man versucht, sich eine Ausrede zu verschaffen.

Dabei möchte ich es für heute bewenden lassen, obwohl ich vermute, dass es nunmehr heftige Diskussionen geben könnte, ob nicht eine Lüge in bestimmten Fällen sinnvoll sei. Das Lieblingsbeispiel in dieser Diskussion ist, was man macht, wenn der Verfolgte nach links abgebogen ist und die verfolgende Gestapo fragt: wohin ging der Verfolgte?

Bei solchen Fragen geht es letztlich um eine Güterabwägung, ob es nicht auch noch höhere Güter gäbe als die Wahrheit, und ich denke, dass wir alle in dem Gestapo-Beispiel der Auffassung sind, die Lüge sei das kleinere Übel. Sie ist das ganz sicher, denn hierbei wird eindeutig nicht aus egoistischen Motiven gehandelt.

Wann immer wir aber aus egoistischen Motiven handeln und sich dadurch ein Nachteil für Dritte ergibt, dann lebt man nicht das Gute. Offensichtlich, so sieht man aber an diesem Beispiel, gibt es neben der Wahrhaftigkeit noch weitere Sprachvorsätze, die Sinn machen. Hierauf gehe ich in meinem nächsten Beitrag ein.



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