II. 9. 10. Der vierte ethische Vorsatz
Vom Ende (m)einer Karriere .
letzte Änderungen am 25. Januar 2016
In meinem Beitrag „…und nichts als die Wahrheit“ habe ich erläutert, welch hohe Anforderungen man im Rahmen einer Ethik, wie sie der Buddhismus vertritt, an die wahrheitsgemäße Rede stellen sollte. In diesem Punkt ist sich der Buddhismus mit den meisten anderen ethischen Regelwerken einig.

Ich selbst habe von meiner Eltern und auch von meiner Großmutter das wahrheitsgemäße Sprechen als absolutes Muss vermittelt bekommen. Stehlen und Lügen waren die beiden schlimmsten Vergehen, die ich mir vorstellen konnte. Ich weiß noch, wie ich einmal in einem Kinderbuch – ich muss damals etwa neun gewesen sein – den Satz las: „´nein, davon weiß ich nichts´, log er“. So etwas Ungeheuerliches stand da tatsächlich. Und das war nicht einmal ein ganz schlimmer Verbrecher, von dem das gesagt wurde, sondern der Held der Geschichte. Ob dieser Ungeheuerlichkeit durchlief mich ein merkwürdig wohliger Schauer. Und ich merkte mir die Seitenzahl, um immer wieder dorthin zurückzublättern, um diesen extrem perversen Ausdruck wieder und wieder zu lesen, so wie andere Jungs vielleicht ein irgendwo gefundenes pornografisches Bild immer einmal wieder hervorkramen würden. Natürlich blätterte ich nur heimlich dahin zurück, wenn ich sicher war, dass mich niemand dabei erwischte, wie ich mich an dieser Obszönität heimlich ergötzte.

Selbstverständlich war es für mich absolut tabu zu lügen. Da die Wahrheit jedoch mitunter zu unangenehm war, gewöhnte ich mir an, formal die Wahrheit zu sagen, auch wenn ich damit versuchte, einen anderen Eindruck zu erwecken.

Ich will das an einem Beispiel erläutern. Wenn zum Beispiel die Tulpen im Hof umgeknickt waren und mich meine Mutter rief und fragte: „Sag mal, Horst, kann das sein, dass du beim Fußballspielen die Tulpen umgetreten hast?“ Dann sah ich meine Mutter mit entsetztem Blick an, als sei ich völlig ungerechtfertigt getadelt worden und antwortete entrüstet: „Wie kannst du nur glauben, dass ich so etwas getan hätte, ohne dir gleich Bescheid zu sagen.“ Und vermutlich lief ich auch noch zu meiner Großmutter und beschwerte mich lauthals: „Oma, die Mama meint, ich hätte die Tulpen umgetreten und ihr nichts davon gesagt, sie meint ich hätte das beim Fußballspielen gemacht, dabei habe ich doch gar nicht Fußball gespielt.“ Und warf mich – die verfolgte Unschuld spielend – meiner Großmutter schluchzend in die Arme. Hinterher war ich dann stolz, dass ich formal die Wahrheit gesagt hatte und wieder einmal nicht erwischt worden war, schließlich war es ja nicht beim Fußballspielen passiert, sondern mit einer Kegelkugel.

Vielleicht erscheint euch das jetzt absurd, aber ich war mir sicher, richtig gehandelt zu haben, ich hatte ja nicht gelogen, sondern (formal) die Wahrheit gesagt. Und mitunter übte ich sogar in Gedanken logisch geschickte Dialoge ein, mit denen ich zwar die Wahrheit vergewaltigte, aber ich bestand darauf: das war keine Lüge.
Auf diese Weise kam ich vier Jahrzehnte lang durchs Leben und war stolz ein so ungemein wahrheitsliebender Mensch zu sein. Ja, auch in den anderthalb Jahrzehnten, in denen ich in der Politik war, habe ich niemals gelogen, sondern immer – zumindest formallogisch – die Wahrheit gesagt.

Vor gut 20 Jahren kam ich dann zum Buddhismus. Ich hatte ein Buch gefunden und darin von den Vier Edlen Wahrheiten gelesen, die der Buddha formuliert hatte, und vom Edlen Achtfältigen Pfad, den ein spiritueller Mensch gehen solle. Und ich hatte – in einer leicht euphemistischen Betrachtung – festgestellt: sechseinhalb der acht Übungsfelder, die darin beschrieben waren, praktizierte ich bereits. Das eine, was ich nicht praktizierte, das war Meditation. O.k. das war kein Problem, damit konnte ich ja jetzt, wo ich Buddhist war, anfangen.

Aber das andere, das ich nur halb gemacht hatte, war das Pfadglied, das samma vaca heißt, Rechte Rede. Und zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass Rechte Rede mehr war, als nur die Wahrheit zu sagen. Rechte Rede im buddhistischen Sinn sollte vielmehr vier Kriterien genügen

1. sie soll wahr sein
– und zwar nicht nur formal wahr, sondern auch in dem Eindruck, den sie erweckt – rhetorische Tricks waren damit ausgeschlossen. Aber damit nicht genug, die Rechte Rede sollte auch
2. freundlich sein, sie sollte

3. harmoniefördernd sein und sie sollte darüber hinaus auch noch

4. hilfreich und zweckdienlich sein.

Das war harter Tobak. Ich war damals mit meinen rhetorischen Tricks recht gut gewesen. Ich war geschätzt, teilweise auch gefürchtet. Ich war im Kreistag der scharfzüngigste Redner meiner Fraktion, wie es die Frankfurter Rundschau formulierte, immer bereit, verbal die Klinge zu führen, mal grobschlächtig wie mit einem Schwert, mal rhetorisch brillant wie mit einem Florett.

Ich war in der Regionalversammlung von Südhessen zehn Jahre Oppositionsführer gewesen und ich genoss es, wenn die Frankfurter Rundschau anrief und sagte: „Herr Gunkel, der Landrat hat XY gesagt, bitte zwei scharfe Sätze, mit denen Sie das zerpflücken.“ Oder wenn der Hessische Rundfunk anrief und sagte: „Der Wirtschaftsminister hat gerade folgendes Statement abgeben, wir rufen sie in zehn Minuten zurück, sie haben dann genau 23 Sekunden, um geschliffen zu antworten.“

Und jetzt sollte meine Rede plötzlich harmoniefördernd sein? Hat man jemals von der harmoniefördernden Rede eines Oppositionsführers gehört? Meine Rede sollte freundlich sein? Ich, dessen Lebensmotto damals war: „Viel Feind, viel Ehr´!“

Und zweckdienlich??? Meine Rede war nicht nur spirituell nicht zweckdienlich, sie war sogar politisch oft genug nicht zielführend, da ich mir viel zu viele Feinde gemacht hatte.

Und natürlich sah ich mich ganz realistisch im Reiz-Reaktions-Schema gefangen. Nicht erst in der Politik hatte ich gelernt, Sprache als ein Kampfmittel einzusetzen, das hatte ich in Freundschaften, in Beziehungen, in Vereinen und Bürgerinitiativen immer getan. Mir war klar, wenn ein Reporter den Stift zückt, wenn mir ein Mikrofon hingehalten wird oder ich in Sichtweite eines Rednerpultes komme, würden die bekannten Reize die zwangsläufigen Reaktionen auslösen. Natürlich hatte die Presse Erwartungen an mich, hatten die anderen Parteien Erwartungen an mich und hatten nicht zuletzt die eigenen Fraktionskolleg/innen Erwartungen an mich.
Ich war gerade 40 geworden, und ich stand an einem Scheideweg: politische Karriere oder buddhistisch praktizieren?

Es war die einfachste Entscheidung meines Lebens. Ich brauchte gar nicht darüber nachzudenken. Natürlich würde ich alle meine politischen Ämter niederlegen müssen, um den Dharma zu praktizieren. Meine Stellvertreterin im Fraktionsvorsitz sagte mir zwar: „Unsinn, Horst, dass schaffst du doch nie, du bist doch mindestens genauso auf der Droge Machtpolitik, wie wir alle. Das hältst du keine sechs Wochen durch.“ Die Frankfurter Rundschau wunderte sich: „Das enfant terrible des Kreistages verlässt die Politik, um sich als Buddhist der Rechten Rede zu widmen.“

Ja, ich habe die Zeit in der Politik genossen. Es war schön, Wahlkampf zu machen. Ich habe es genossen im hessischen Wahlkampf 1989 bei der Abschlusskundgebung des Wahlkampfes einer von zwei Rednern vor einem großen Auditorium gewesen zu sein. Dann haben sich unsere Wege getrennt. Ich bin den spirituellen Pfad gegangen, den der Buddha aufgezeigt hat.

Der andere von uns beiden Rednern bei der Abschlusskundgebung dieses Wahlkampfes hingegen, der hat die Kurve nicht gekriegt und damit sein wertvolles menschliches Leben nicht wirklich genutzt. Er war leider weiter machtgeil und ist daher nur Vizekanzler und Außenminister geworden, und das, wo doch ein ungemein höheres Ziel in diesem menschlichen Leben erreichbar ist, nämlich das, was wir als Stromeintritt bezeichnen: Sicht und Erkenntnis der Dinge, wie sie wirklich sind. - Armer Joschka!



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