Abschnitt ErDa-2 des ErDa-Projektes:
II. 3. Karma 2.1 -
Weitere Betrachtung aus Sicht des 21. Jahrhunderts
(Dieser Vortrag wurde gehalten im Jahr 2015 bei Meditation am Obermarkt, Gelnhausen)
zuletzt geändert am 7. Oktober 2016


Ich möchte heute die Gedanken aus dem Artikel „Karma 2.0" etwas vertiefen. Ich habe damals die Frage, wie denn Karma und Wiedergeburt funktionieren am Beispiel von Internet und Cloud erläutert. Ich möchte aber gleich eingangs darauf aufmerksam machen, dass es sich bei meinen Ausführungen um ein Modell handelt. Modelle dienen dazu, sich einer komplexen und als rätselhaft empfundenen Wirklichkeit durch vereinfachende Annahmen anzunähern.

Wichtig ist, dass wir ein Modell nicht für die Wirklichkeit halten, sondern für den Versuch einer gedanklichen Annäherung. Der Buddha hat immer wieder darauf hingewiesen, dass man die Erleuchtungserfahrung nicht wirklich verbal kommunizieren kann, dass also alle seine Hinweise nur der Finger sind, der auf den Mond zeigt, nicht der Mond selbst – das ist Buddhas Beschreibung für das, was ich hier als Modell bezeichne.

Das von mir vorgestellte Modell der Cloud ist für Menschen mit der Erlebniswelt des 21. Jahrhunderts meiner Meinung nach hilfreicher als ältere Modelle. Vielleicht hilft es dem einen oder der anderen meiner Zuhörer oder Leserinnen zu verstehen, was unter Karma, Wiedergeburt, der anatta-Lehre und den abhiñña, den „Höheren Geisteskräften“ des Buddha gemeint ist.

(Das Kleingedruckte ist identisch mit dem Vortrag Karma 2.0)

Bekanntlich kann man seine am Computer geschriebenen Dateien in der Cloud speichern, also mittels des world-wideweb. Ganz ähnlich kann man sich das mit Karma vorstellen. Und das world-wide-web, in dem die karmischen Informationen - aber nicht nur diese - gespeichert sind, heißt in der buddhistischen Terminologie alaya-vijñana. Und im Gegensatz zum Internet und der Cloud, also Ausdrücken, mit denen vor einer Generation noch niemand etwas anfangen konnte, ist der Ausdruck alaya-vijñana - zu Deutsch: Speicherbewusstsein - im Buddhismus bereits seit Jahrtausenden bekannt. Kein Wunder, das alaya-vijñana selbst ist ja älter als die Lehre des Buddha.

Was also geschieht, wenn jemand stirbt? Nun eine Kopie seiner karmischen Handlungen ist in der Cloud namens alaya-vijñana abgespeichert, so wie eine Kopie der Datei, aus der ich gerade zitiere, in der „Dropbox“ abspeichert ist. Wenn mein Rechner versagt, wenn er seinen Geist aufgibt, kaufe ich mir einen neuen - und nachdem ich dort ein Betriebssystem darauf installiert und die nötige Software aufgespielt habe, kann ich auf meine Dateien in der Cloud wieder zugreifen.

Wenn Mensch X stirbt ist die Menschheit, ist die Summe aller empfindungsfähigen Wesen, nicht ausgestorben. Ein Mensch Y wird geboren. Er hat einen etwas anderen genetischen Code. So wie mein neuer Rechner vielleicht ein etwas anderes Betriebssystem hat und unter Windows 10 läuft und nicht unter Windows 7, wie das Vorgängermodell. Vielleicht wird auch eine etwas andere, etwas modernere Software aufgespielt, so wie die Sozialisation des Kindes Y anders verläuft als die des Kindes X vor 80 Jahren. Einen kleinen Unterschied gibt es aber doch zu Computer und der Cloud. Will ich auf meine alten Dateien zugreifen, muss ich mich gegenüber diesem anonymen System, das wir als Cloud bezeichnen, identifizieren, um darauf zugreifen zu können. Kein Wunder, die Cloud ist ja auch ein neues Phänomen und längst nicht so ausgereift wie das alaya-vijñana. Im Gegensatz zur Cloud erkennt das alaya-vijñana die Wesen - und zur richtigen Zeit wird es die richtigen Informationen an den richtigen Empfänger senden.

Das alaya-vijñana kann sich also in das Bewusstsein eines Menschen einwählen, kann mit ihm kommunizieren. Traditionelle Formen menschlicherseits, mit dem alaya-vijñana in Verbindung zu treten, sind Gebete.

Mein eben charakterisiertes Modell, mein Vergleich hat allerdings einen Fehler, er hinkt in einem Punkt. Bisher haben wir nämlich so getan, als seien Computer und Menschen einzelne voneinander unabhängige Dinge bzw. Personen. In Wirklichkeit ist alles viel vernetzter. Beim Computer fangen wir an das zu glauben, spätestens, wenn wir wieder lauter Spams gesendet bekommen oder sich ein Trojaner eingenistet hat. Als Menschen hingegen hegen wir die Illussion, wir seien getrennte Wesen. Sind wir aber nicht. Der Atem verbindet uns alle, wie wir in der Atemmeditation immer wieder erfahren. Über den Stoffwechsel sind wir alle mit dem gesamten Planeten verbunden. Unsere irdische Energie bekommen wir aus der Sonne. Und auch unser Bewusstsein, unser Geist ist nicht wirklich voneinander getrennt. Durch die Kommunikation, durch diesen Vortrag, an dem du gerade teilnimmst, bemühe ich mich einige meiner Vorstellungen in dein Bewusstsein zu transferieren.

Dieser ganze Planet ist ein sehr komplexes vernetztes System. Und jedes einzelne Atom in dir ist von diesem Planeten nur geborgt. Und auch jedes einzelne Bewusstseinselement ist vom alaya-vijñana, vom Speicherbewusstsein, das mindestens gesamtplanetarisch, vielleicht sogar kosmisch organisiert ist, ist ebenso nur geborgt. Und ähnlich wie ich in der Cloud eine bestimmte Menge Dateien habe, die dort abgespeichert sind und so wie Unternehmen durch cloud computing auch auf Software aus der Cloud zugreifen können, so haben auch wir Zugang zum Speicherbewusstsein und haben auch dort unsere Dateien, z. B. unser Karmakonto.

In der technischen Cloud des world-wide.web kann man nur auf die eigenen Dateien zugreifen – nicht auf die der anderen Wesen. Allerdings befürchten viele Leute, dass die eigenen Daten dort nicht sicher sind, dass also auch andere mittels Spionage-Programmen auf die in dieser Cloud abgespeicherten Daten zugreifen können. Wie sieht das beim alaya-vijñana aus? Wäre es nicht toll auch auf die Bewusstseinsinhalte anderer zugreifen zu können? Was hindert uns eigentlich daran?

Nun, was uns daran hindert ist, dass wir glauben, dass es uns und andere (als getrennte Wesen) gibt. Der Buddha hingegen lehrt, dass das eine Illusion ist. Wir halten uns für von anderen getrennt, was ein Wesensmerkmal von Verblendung ist. Ziel buddhistischer Praxis ist es, diese scheinbare Trennung zu überwinden, und zwar nicht nur intellektuell, sondern tatsächlich. Wenn wir die buddhistischen Schriften lesen, dann sind darin einige Formulierungen, die uns absolut unrealistisch erscheinen. Da heißt es zum Beispiel, dass der Buddha über das dibba-sota, das Himmlische Ohr, verfügte, mit dem es ihm möglich gewesen sei, zu hören, was woanders gesagt wurde.

Außerdem habe er das dibbha-cakkhu, das Himmlische Auge, mit dem es ihm möglich gewesen sei, zu sehen, was woanders vor sich ging. Weiterhin habe der Buddha die Fähigkeit gehabt, die Herzen anderer zu durchschauen (parassa ceto-pariyañana), was bedeutet, dass er fähig war, die Gedanken anderer zu lesen. Und dann habe er noch die Fähigkeit gehabt, sich an frühere Dasein zu erinnern (pubbe nivasanussati).

Das alles erscheint uns als absolut unverständlich, ja als irgendwie märchenhaft und irreal. Es ist aber keineswegs unverständlich, wenn man davon ausgeht, dass sich der Buddha nicht nur in seinen eigenen Bereich des alaya-vijñana einwählen konnte, sondern auch in den der anderen Wesen. Wie soll das gehen? Nun der Buddha hat gesagt, dass er nicht nur den anatta-Gedanken intellektuell erkannt, sondern voll und ganz verwirklicht habe.

Anatta heißt Nicht-Selbst oder Nicht-Ich oder auch Unpersönlichkeit. Das Buddhistische Wörterbuch (von Nyanatiloka) führt zu anatta aus:  Diese Lehre von anatta oder der Unpersönlichkeit besagt, daß es weder innerhalb noch außerhalb der körperlichen und  geistigen Daseinserscheinungen irgendetwas gibt, das man im höchsten Sinne als eine für sich bestehende unabhängige Ich-Wesenheit oder Persönlichkeit bezeichnen könnte. Es ist dies die Kernlehre des ganzen Buddhismus, ohne deren Verständnis eine wirkliche Kenntnis des Buddhismus schlechterdings unmöglich ist, die einzige wirklich spezifisch buddhistische Lehre, mit der das ganze buddhistische Lehrgebäude steht und fällt. Alle anderen buddhistischen Lehren mögen mehr oder weniger auch in anderen Philosophien und Religionen anzutreffen sein, die Anatta-Lehre aber wurde in ihrer vollen Klarheit nur vom Buddha gewiesen, weshalb auch der Buddha als der anatta-vada, der Verkünder der Unpersönlichkeit, bezeichnet wird.

Wenn man davon ausgeht, dass dem wirklich so ist, dass der Buddha also den anatta-Gedanken nicht intellektuell entwickelt, sondern tatsächlich verwirklicht hat, dann ist ein Buddha nicht mehr auf seine individuelle Persönlichkeit beschränkt und damit auch nicht nur fähig seinen „eigenen“ kleinen Speicher in des alaya-vijñana zu nutzen, sondern auch auf andere Teile des alaya-vijñana zuzugreifen. Ansätze dazu kennen wir auch aus sog. paranormalen Vorgängen, wie z. B. Telepathie, Hellsehen oder der Vernetzung in sog. morphischen oder morphogenetischen Feldern.

Selbstverständlich ist das, was ich eben ausgeführt habe nur ein Modell, nicht die Wirklichkeit. Modelle haben Schwachstellen. Aber Modelle dienen dazu, uns der komplexen Wirklichkeit anzunähern. Wir dürfen ein Modell nie mit der Wirklichkeit verwechseln. Ebenso wenig wie wir den Finger, der auf den Mond zeigt, nicht mit dem Mond verwechseln dürfen. Nutzen wir also dieses Modell, um unser Verständnis von Karma, von Wiedergeburt, von der anatta-Lehre und den abhiñña, den „Höheren Geisteskräften“ des Buddha zu schärfen.


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