Abschnitt ErDa-2 des ErDa-Projektes:
II. 2. Karma 2.0
Eine Betrachtung aus Sicht des 21. Jahrhunderts
(Vortrag gehalten im Jahr 2014 bei Meditation am Obermarkt, Gelnhausen)
zuletzt geändert am 7. Oktober 2016
Bei ErDa, bei erdgestützter Dankbarkeit verbunden mit Körperarbeit und Körperintelligenz, geht es darum, dass Bewusstsein nicht nur im Hirn sitzt, dass es vielmehr auch Körperbewusstheit gibt, dass also die Trennung in Körper und Geist ebenso wenig hilfreich ist wie die Trennung, die ich bereits erwähnt habe, nämlich die in Ich und Ander.

Man erwirbt Wissen nach buddhistischer Auffassung durch Hören (respektive Lesen), Weisheit jedoch erst allmählich und mittels eines Dreischrittes, dem Dreischritt aus (1) Hören, (2) Reflektieren und (3) Meditieren. Ich habe dementsprechend in letzter Zeit nicht nur einiges zum Thema Körperachtsamkeit gelesen, sondern auch darüber reflektiert, natürlich meditiere ich auch täglich. In diesem Zusammenhang habe ich auch wieder versucht, die Frage von Karma in Verbindung mit Wiedergeburt, eine Frage, die mir sehr häufig gestellt wird, etwas weiter zu durchdringen, vor allem in der Art, wie ich ein offensichtlich schwer zu kommunizierendes System kommunizieren kann. Ich will das Thema daher hier wieder aufgreifen.

Körper und Geist bilden eine Einheit, daher sind die meisten Krankheiten psychosomatischer Art. Mithin ist die chemische Keule unserer Schulmedizin nicht nur ein Kurieren am Symptom und mit Nebenwirkungen verbunden, sie bezieht auch nicht die psychischen und spirituellen Zusammenwirkungen mit ein, insofern ist beispielsweise TCM (traditionelle chinesische Medizin) unserer Schulmedizin in vielen Bereichen überlegen.

Ich habe im letzten Beitrag über die Wirkzusammenhänge auf den verschiedenen Ebenen, den sogenannten niyamas, gesprochen, zum Beispiel auf der karmischen Ebene. Egoistisches Verhalten, das den eigenen Nutzen auf Kosten Dritter, also auf Kosten anderer Menschen, Tiere, Pflanzen, ja letztlich auf Kosten des gesamten Wirkgefüges unseres Planeten zu maximieren versucht, ist karmisch unheilsam, denn es birgt Unheil für das Ganze und/oder seine Teile. Das gilt für individuelles Handeln ebenso wie für kollektives Handeln durch Gruppen, Staaten oder Unternehmen. In diesem Zusammenhang ist unser ausbeuterisches Wirtschaftssystem, das auf individueller Nutzenmaximierung zu Lasten Dritter setzt, auf Nutzenmaximierung durch Personen, durch Betriebe und durch Kapitalinteressen, besonders verhängnisvoll, weil karmisch unheilsam.

Wie wirkt Karma?

Man muss zunächst einmal unterscheiden zwischen Karma und karma vipaka. Karma ist jedes willentliche Handeln, das positive oder negative Auswirkungen auf empfindungsfähige Systeme hat, also auf Menschen, Tiere, Pflanzen, Biosysteme und natürlich auf das große Biosystem unseres Planeten. Karma ist in dieser Betrachtung das verursachende Handeln. Die Folgen dieses Handelns bezeichnet man als karma vipaka, was wörtlich „Früchte des Handelns“ bedeutet. Eine ähnliche Terminologie finden wir übrigens auch bei Jesus, der sagt: "an den Früchten ihres Handeln sollt ihr sie erkennen" (Matth. 7, 16).

Dabei können die Früchte des Handelns schnell reifen: wenn jemand Amok läuft, wird er vermutlich eine sehr rasche Reaktion bekommen, vielleicht wird er selbst erschossen. Aber dieses Beispiel zeigt auch, dass ein Amoklauf durchaus auch langfristige Folgen hat, er führt zum Beispiel zu psychischen Schäden bei den mittelbar oder unmittelbar Betroffenen. Und es stellt sich natürlich auch die Frage: kann der Amoklauf für den Täter auch noch längerfristige Folgen haben als nur seinen Tod? Darauf werde ich später eingehen.

Ein typisches Beispiel für ein deutlich absehbares aber langfristig wirkendes karmische Handeln ist unser menschliches Verhalten in der Frage der Klimaveränderung.

Eine andere Frage, die mir immer wieder gestellt wird, ist die, wie karmisches Handeln auf den Verursacher zurück wirkt. Die nihilistische Annahme ist, dass mit dem Tod für mich als Individuum alles aus ist. Nach dem Tod gibt es nix mehr, Individuum tot – finito, behauptet der Nihilismus, von dem der Buddha sagt, dieser sei genau so sehr eine Irrlehre wie die von einer ewigen Seele, einem festen, unveränderlichen Wesenskern. Die Wahrheit fände man vielmehr in einer mittleren Sichtweise zwischen diesen beiden Extremen.

Von der Materie wissen wir, dass das mit dem Nihilismus nicht zutrifft. Materie geht nicht verloren. Jedes einzelne Atom, das derzeit in mir ist, wird auch nach meinem Tod noch in der Ökosphäre dieses Planeten sein. Die moderne Naturwissenschaft, konkret die spezielle Relativitätstheorie, lehrt uns außerdem, dass Materie und Energie nur zwei Erscheinungsformen derselben Sache sind, das ist die Bedeutung von Einsteins berühmter Formel E = Mc2.

Zu glauben, dass Bewusstheit im Gegensatz zu Materie und Energie verloren geht, entbehrt jeder Logik. Nichts verschwindet vollständig. Was einmal da ist, bleibt erhalten, auch wenn es transformiert wird, und auch dann, wenn wir den Transformationsprozess nicht oder noch nicht verstehen können. (Wer von uns hat schon wirklich die spezielle Relativitätstheorie verstanden?)

Wenn es aber, wie der Buddhismus sagt, keinen festen Wesenskern in uns gibt, keine Entität, keine Seele, was ist dann Träger des Bewusstseins oder der Bewusstheit? Und vor allem, wie wird Karma zwischen dem Tod eines Wesens und dem Nachfolgemodell gespeichert? Also: wie funktioniert die Sache mit der Wiedergeburt?

Erst einmal: dass es Wiedergeburt gibt, daran zweifelt niemand. Jeder sehende Mensch erkennt, dass immer wieder geboren wird. Es gibt Frauen, die Kinderwägen schieben, es gibt Schwangere und die Geburtsstatistiken des Statistischen Landesamtes weisen jedes Jahr wieder Geburten aus. Also: es gibt immer wieder Geburt.

Manche Leute unterstellen nun, die Buddhisten würden glauben, dass einer, der stirbt, auch wiedergeboren wird. Das stimmt nicht. Der Buddha sagt eindeutig: es gibt Wiedergeburt, aber niemanden, der wiedergeboren wird. Was nichts anderes besagt, als dass da keine Identität ist zwischen einem, der hier stirbt, und einem oder einer, die dort wiedergeboren wird: keine Seelenwanderung, keine Identität.

Aber wie ist das dann mit dem Karma, das ich mir geschaffen, aber noch nicht aufgelöst habe? Was ist zum Beispiel mit dem Karma des Amokläufers, der bei seinem Amoklauf erschossen wurde? Oder ganz konkret: was ist mit dem karma vipaka meiner oder deiner unheilsamen - oder auch heilsamen - Handlungen aus diesem Leben, die noch nicht aufgelöst sind?

Innerhalb eines Lebens manifestiert sich dies unter anderem in Krankheiten, beim Alkoholkranken ist das z. B. relativ deutlich oder z. B. in körperlichen Verspannungen beim workaholic. Es geht also bei unserem Problem letztendlich um die Frage der karmischen Speicherung über ein Leben hinaus.

Der Buddha hat immer versucht, den Menschen Dinge zu erklären, indem er bei ihren alltäglichen Erfahrungen ansetzte. Viele dieser Erklärungen sind für uns heute nicht mehr hilfreich, weil unser Denken und unsere Umwelt anders geartet sind.

Ich versuche das mit der Karma-Speicherung jetzt auch einmal zu erklären, indem ich bei den alltäglichen Erfahrungen der Menschen ansetze, bei den alltäglichen Erfahrungen der Menschen des frühen 21. Jahrhunderts, wohlbemerkt. Unser Alltag ist stark von Computern bestimmt. Ich habe diesen Beitrag beispielsweise mit einem solchen Gerät niedergeschrieben und abgespeichert. Ein Computer verarbeitet - wie der Mensch - Informationen und er hat einen Speicher. Unser menschlicher Informationsspeicher ist unter anderem unser Hirn, aber auch unser ganzer Körper. Das karma vipaka des Alkoholikers wie des workaholic in unserem Beispiel vorhin war im Körper abgespeichert. Unsere Zellen speichern Informationen; Verspannungen in den Schultern oder im Rücken sind ein typisches Beispiel für eine solche Speicherung.

Wie wir alle wissen, ist die Lebensdauer des Computers, ähnlich wie die des menschlichen Körpers, begrenzt. Was ist, wenn der Computer seinen Geist aufgibt? Sind dann alle Informationen verloren? Nun ich speichere, die wichtigsten Dinge in der Cloud, also mittels des world-wide-web. Es gibt aber auch ein world-wide-web, in dem karmische Informationen - aber nicht nur diese – gespeichert sind, es heißt in der buddhistischen Terminologie alaya-vijñana.

Im Gegensatz zum Internet und der Cloud, also Ausdrücken, mit denen vor einer Generation noch niemand etwas anfangen konnte, ist der Ausdruck alaya-vijñana – zu Deutsch: Speicherbewusstsein - im Buddhismus bereits seit Jahrtausenden bekannt. Kein Wunder, das alaya-vijñana ist ja älter als die Lehre des Buddha.

Was also geschieht, wenn jemand stirbt? Nun eine Kopie seiner karmischen Handlungen ist in der Cloud namens alaya-vijñana abgespeichert, so wie eine Kopie der Datei, aus der du gerade liest, in der „Dropbox“ abspeichert ist. Wenn mein Rechner versagt, wenn er seinen Geist aufgibt, kaufe ich mir einen neuen - und nachdem ich dort ein Betriebssystem darauf installiert und die nötige Software aufgespielt habe - kann ich auf meine Dateien in der Cloud wieder zugreifen.

Wenn Mensch X stirbt ist die Menschheit, ist die Summe aller empfindungsfähigen Wesen, nicht ausgestorben. Ein Mensch Y wird geboren. Er hat einen etwas anderen genetischen Code. So wie mein neuer Rechner vielleicht ein anderes Betriebssystem hat und unter Windows 10 läuft und nicht unter Windows 7, wie das Vorgängermodell. Vielleicht wird auch eine etwas andere, etwas modernere Software aufgespielt, so wie die Sozialisation des Kindes Y anders verläuft als die des Kindes X vor 80 Jahren.

Einen kleinen Unterschied gibt es aber doch zwischen dem Computer und der Cloud. Will ich auf meine alten Dateien zugreifen, muss ich mich gegenüber diesem anonymen System, das wir als Cloud bezeichnen, identifizieren, um darauf zugreifen zu können. Kein Wunder, die Cloud ist ja auch ein neues Phänomen und längst nicht so ausgereift wie das alaya-vijñana. Im Gegensatz zur Cloud erkennt das alaya-vijñana die Wesen - und zur richtigen Zeit wird es die richtigen Informationen an den richtigen Empfänger senden.

Mein eben charakterisiertes Modell, mein Vergleich, hat allerdings einen Fehler, er hinkt in einem Punkt. Bisher haben wir nämlich so getan, als seien Computer und Menschen einzelne voneinander unabhängige Dinge bzw. Personen. In Wirklichkeit ist alles viel vernetzter. Beim Computer fangen wir an das zu glauben, spätestens, wenn wir wieder lauter Spams gesendet bekommen oder sich ein Trojaner eingenistet hat.

Als Menschen hingegen hegen wir merkwürdiger Weise die Illussion, wir seien getrennte Wesen. Sind wir aber nicht. Der Atem verbindet uns alle, wie wir in der Atemmeditation immer wieder erfahren. Über den Stoffwechsel sind wir alle mit dem gesamten Planeten verbunden. Unsere irdische Energie bekommen wir aus der Sonne. Und auch unser Bewusstsein, unser Geist ist nicht wirklich voneinander getrennt. Durch die Kommunikation, durch diesen Aufsatz beispielsweise, bemühe ich mich gerade einige meiner Vorstellungen in dein Bewusstsein zu transferieren.

Dieser ganze Planet ist ein sehr komplexes vernetztes System. Und jedes einzelne Atom in dir ist von diesem Planeten nur geborgt. Und jedes einzelne Bewusstseinselement ist vom alaya-vijñana, vom Speicherbewusstsein, das mindestens gesamtplanetarisch, vielleicht sogar kosmisch organisiert ist, nur  geborgt.

Und ähnlich wie ich in der Cloud eine bestimmte Menge Dateien habe, die dort abgespeichert sind, und so wie Unternehmen durch cloud computing auch auf Software aus der Cloud zugreifen können, so haben auch wir Zugang zum Speicherbewusstsein und haben auch dort unsere Dateien, z. B. unser Karmakonto.

Selbstverständlich ist das, was ich eben ausgeführt habe, nur ein Modell, nicht die  Wirklichkeit. Modelle haben Schwachstellen. Aber Modelle dienen dazu, uns der komplexen Wirklichkeit anzunähern. Wir dürfen ein Modell nie mit der Wirklichkeit verwechseln. Ebenso wenig wie wir den Finger, der auf den Mond zeigt, nicht mit dem Mond verwechseln dürfen. Nutzen wir also dieses Modell, um unser Verständnis von Karma und Wiedergeburt zu schärfen.



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