Abschnitt ErDa-2 - Produkte negativen Karmas auflösen:
II. 5. Körperlich gespeichertes Karma .
zuletzt geändert am 7. Oktober 2016

Bislang haben wir uns den Begriff des Karma auf einer nichtmateriellen, auf einer informationellen Ebene genähert, und damit unter anderem erläutert, wie es sein kann, dass Karma - also willentliches, ethisch bewertbares Handeln - das in einem Leben auftritt, in ein anderes nachwirkt.

Dass Karma auch in diesem Leben wirkt, ist uns allen geläufig. Wenn ich mich unbeliebt gemacht habe (karma), dann bin ich unbeliebt (karma vipaka). Meine negativen Handlungen haben ein Bewusstsein in mir und anderen hervorgerufen, dass man mich meiden solle. Es gibt aber mindestens in diesem Leben auch Ergebnisse meines (karmischen) Handelns, die nicht nur informationell, sondern auch physisch gespeichert werden, somatisch, im Körper. Wer mit seinem Körper unfreundlich umgeht, sei es durch übermäßiges Essen oder durch Magersucht, sei es durch Intoxikation – etwa durch Alkohol oder andere Genussgifte – sei es durch übermäßige Arbeit und Anstrengung, bei dem werden sich körperliche Leiden einstellen, hierzu gehören Krankheiten infolge von Essstörungen oder Übergewicht, Alkoholkater oder Leberzirrhose, Magengeschwüre und Muskelverspannungen. Man kann also feststellen, dass Karma nicht nur informationell, sondern auch somatisch, körperlich, gespeichert wird.

Sinnvoll ist es, auch dieses körperlich gespeicherte Karma abzuarbeiten. Hierzu dienen Verhaltensumstellungen wie gesündere Ernährung, Verzicht auf Intoxikation oder ein Jobwechsel ebenso wie körperliche Übungen, z. B. mehr Bewegung, progressive Muskelentspannung, Yoga und vieles mehr.

Möglicherweise – und viele buddhistische Autoren vertreten dies – wird auf diese Art Karma nicht nur innerhalb eines Lebens gespeichert, sondern diese karmische Folgen werden gewissermaßen auch ins alaya-vijñana aufgenommen und an eine spätere Person, gewissermaßen an unser Nachfolgemodell, weitergegeben, also auf einen physisch anderen Körper heruntergeladen. Das würde dann bedeuten, dass ein Teil unserer körperlichen Probleme, Verspannungen zum Beispiel, aus früheren Existenzen stammen. Völlig gleichgültig aber woher solche körperlichen Muster wie Verspannungen stammen, macht es Sinn, sie anzugehen. Dies kann durch Verhaltensänderung geschehen – möglicherweise haben wir nicht nur die Wirkung, sondern auch das fehlerhafte Verhaltensmuster aus einer früheren Existenz mitgebracht. Es kann allerdings unabhängig davon – oder besser additiv dazu – auch durch Körperarbeit in diesem Leben angegangen werden.

Reginald Ray vertritt zum Beispiel die Ansicht, dass sich alle Lernprozesse über unser Verhalten, die wir zurückgewiesen haben, in pathologischen Mustern unseres Ego wiederfinden und körperlich gespeichert werden. Ganz wichtig ist auch, in jemandem, der uns irgendwie verletzt, nicht den Feind zu sehen und uns an diesem abzuarbeiten. Vielmehr ist es bedeutsam, die Dinge zu sehen, wie sie sind: also erst einmal in dem Schmerz zu verweilen und ihn zu betrachten. Alsdann wäre es gut, nach den Ursachen dessen zu suchen, was geschehen ist. Bei aufmerksamer Betrachtung entdecken wir dabei Ursachen, die in uns liegen, und Ursachen, die in der anderen Person liegen. So kommt man durch achtsames und wissensklares Betrachten zu mehr Weisheit statt zu mehr Feinden.

Haben wir karmische Samen, seien diese nun somatischer oder informationeller Natur, in dieses Leben gebracht, so ist es weise, daran zu arbeiten. Als Kleinkind, als Erbe von karma vipaka, haben wir diese Weisheit noch nicht und können dies mithin noch nicht auflösen, sind wir später (wieder) reifer, dann ist es uns möglich, ältere karmische Samen aufzulösen.

Wir neigen dazu, unseren Körper als von der "Umwelt" getrennt anzusehen, daher das Unwort „Umwelt“, es ist Ausdruck unserer scheinbaren Unverbundenheit mit dem interpersonellen Körper, ein Wesensmerkmal von Verblendung. Die Tatsache ist aber das, was Thich Nhat Hanh mit "interbeing" bezeichnet, und was in etwa mit "Dasein in Interaktion" übersetzt werde könnte. Körperarbeit bedeutet auch, sowohl unseren individuellen als auch unseren sozialen Körper – beide sind nicht wirklich voneinander zu trennen – von seinem karma vipaka zu reinigen. Unser physischer Körper ist dabei die Pforte zur Totalität unserer Existenz – vom Indivuduum über das soziale Gefüge bis hin zu universellen Totalität. Schließlich sind der einzelne Mensch, das soziale Gefüge und die kosmischen Zusammenhänge ein sich wechselseitig bedingendes und beeinflussendes Gefüge. Es ist schön, dass diese alte Weisheit, die den Stammeskulturen und dem Buddhismus schon immer bekannt war, inzwischen auch von der Naturwissenschaft erkannt worden ist. Jetzt ist es an uns, daraus die richtigen Lehren zu ziehen und sie in Handeln umzusetzen.

Ist die Zeit herangereift, so wird unaufgelöstes Karma, das im alaya-vijñana gespeichert war, aktiviert. Wenn wir das, was uns da aufgezeigt wird, nicht annehmen, wenn wir es also zurückweisen, kann sich bestehendes negatives Karma nicht auflösen, wir erschaffen sogar neues Karma. Durch unsere gewohnheitsmäßig verblendete Flucht vor dem Unbewältigten vertiefen wir die schon bestehende Verspannung. Nehmen wir jedoch dieses Geschenk an, akzeptierten wir es, machen wir es uns zunutze, agieren wir es aus, dann löst sich dieses Karma auf. Nur wer sich diesen Herausforderungen stellt, hat die Chance, sie zu meistern und den Sieg davon zu tragen.

Karma, das nicht aufgelöst ist, das wir immer wieder zurück gewiesen haben, hat sich verhärtet; es aufzulösen wird mit jeder Zurückweisung schwieriger. Nur wenn wir das annehmen, was uns das alaya-vijñana bereit hält, auch wenn es sich unangenehm anfühlt, sind wir in der Lage, spirituell zu wachsen, d. h. unaufgelöstes Karma aufzulösen. Das ist das, was der Buddha (auch) meint, wenn er sagt, alles im Leben sei dukkha. Wenn wir dies durchschauen und das dukkha nicht zurückweisen, sondern vertrauensvoll - mit sraddha - annehmen, dann bewegen wir uns auf dem spirituellen Pfad vorwärts, dann nähern wir uns auf dem Pfad zum Erwachen den Punkten von pamojja (Freude), von piti (Begeisterung) und von passadhi (Zur-Ruhe-Kommen).


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