Horst
Gunkel, Band
4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel
16
letztmals bearbeitet am
18.02.2026
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Seite erläutert.
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16 - Rückkehr zur Mettā-Sangha
Tatsächlich waren die folgenden drei Jahre in etwa so verlaufen, wie das Devamitta, Nilay und Manisha es geplant hatten. Leichte Komplikationen gab es nur bei Manisha, da sie mit ihren 15 Jahren eigentlich noch nicht das Alter für eine Ordination hatte. Dieses Problem war einige Zeit im Frauenkloster diskutiert worden - aber schließlich war man der Meinung, dass dies der wirklich einzige und vernünftige Weg sei, auch ein Nonnenkloster in Kaschmir zu bekommen. So wurde Manisha kurz vor ihrem Weggang, nämlich an Vesakh des Jahres 71 u. Z. ordiniert. Drei Wochen später verließ sie das Kloster, um zusammen mit Ayya Karuna und sieben Novizinnen die Pilgerreise nach Bodh Gaya zu unternehmen.
Für Devamitta war der Verlauf der vergangenen drei Jahre am unspektakulärsten. Er unterrichtete vormittags Novizen, nachmittags und abends kopierte er den Pāḷi-Kanon, sodass er schließlich nicht nur die Majjhima Nikāya und die Dīgha Nikāya mit zur Mettā-Sangha nehmen konnte, sondern darüber hinaus auch noch die Saṃyutta Nikāya.
Die abwechslungsreichste Arbeit hatte Nilay, der das Projekt `Aufbruch zur Mettā-Sangha´ durchzuführen hatte. Unter den Menschen, die im Kloster Weiße Wolke im Dharma unterrichtet worden waren, waren viele zwar sehr angetan von einer solchen Perspektive, aber oft gab es auch Probleme innerhalb der Familie, die eine Abwanderung ins Ungewisse weniger verlockend erscheinen ließen. Nilay reiste in diesen drei Jahren fünfmal nach Pataliputra und einmal sogar nach Benares - also zu den beiden Metropolen, mit denen er in seiner langen Zeit als Kaufmann gute Handelsbeziehungen hatte, um für die Umsiedlung nach Kaschmir zur Mettā-Sangha zu werben.
Einem Argument war dabei äußerst schwer zu begegnen: Devamitta hatte vor 20 Jahren die Mettā-Sangha verlassen, die es damals gerade einmal seit 15 Jahren gab, und die sich auch in diesen 15 Jahren erheblich verändert hatte. Was, wenn es die Mettā-Sangha inzwischen gar nicht mehr gab? Oder wenn sich das Projekt inzwischen in eine völlig andere Richtung entwickelt hatte, als es damals überhaupt abzusehen war? Das hatte dazu geführt, das Nilay seinen ursprüngliche Aufbruchsplan nach dem ersten Jahr modifiziert hatte.
Ja, er würde in dem Jahr, das wir heute das Jahr 71 u. Z. nennen, unmittelbar nach der Regenzeit aufbrechen, allerdings nur mit einer Pilotgruppe, mit den Entschlossensten. Wenn diese dort angekommen wären und mindestens einige Wochen dort gelebt hätten, würde ein Teil dieser Gruppe zurückkommen - und es den anderen berichten. Diese würden dann, wenn die Entwicklung der Mettā-Sangha so verlaufen war, wie es alle hofften, in einer zweiten Siedlungswelle – voraussichtlich zwei Jahre nach der ersten – nachziehen.
Einer
der jungen Männer, die auf jeden Fall zur Mettā-Sangha ziehen wollten, war ein
gewisser Naresh, ein Jugendlicher, der sich
ebenso wie seine Schwester Parvati mit seinen Eltern überworfen
hatte. Naresh war für Nilay ein besonderer Glücksfall.
Die beiden jungen Leute waren Kṣatriyas, lehnten aber den
Kastengedanken ab, was naturgemäß in ihren Familien
nicht gut ankam. Daher machte Nilay dem Naresh ein Angebot:
„Ich sehe doch, wie sehr du unter deiner Familie leidest. Ich hingegen habe gar keine Familie mehr, wohne inzwischen allein mit drei Bediensteten in meinem nunmehr viel zu großen Haus. Ich würde mich freuen, wenn du zu mir ziehen würdest. Meine lange Erfahrung mit dem Dharma, meine Freundschaft mit Devamitta und dein jugendlicher Elan zusammengenommen - das müsste doch der Kern, der Pilotgruppe sein, die als erstes aufbricht. Wir sollten das zusammen planen und zusammen durchführen! Daher möchte ich, dass du zu mir ziehst.”
Nareshs Augen leuchteten auf, er
konnte sein Glück kaum fassen, doch gleich darauf kamen
ihm Bedenken:
„Nilay - das ist das Schönste, was ich mir vorstellen kann! Statt mit meinen affektierten Eltern künftig mit dir, einem echten Dharma-Jünger, zusammen zu leben, und an unserer Zukunft zu arbeiten, das ist in der Tat das, was ich mir am sehnlichsten wünsche. - Aber ich fürchte es geht nicht. Derzeit sind Parvati und ich in unserem Haushalt großem Druck ausgesetzt, dem wir nur mühsam gemeinsam Stand halten können. Meine Eltern haben sich außerdem in den Kopf gesetzt, meine Schwester übers Jahr zu verheiraten - versprochen ist sie ja seit zehn Jahren einem anderen Kṣatriya. Ich kann sie in dieser Situation nicht alleine lasen. Daher geht es wohl leider nicht...”
Nilay sah seinen Partner in spe skeptisch an: „Du willst damit sagen, dass du nur zustimmst, wenn auch deine Schwester mit von der Partie ist?”
„Das wäre in der Tat eine wunderbare Lösung.”
„Ich weiß nicht – eine junge Frau dabei, das gibt doch nur zusätzliche Probleme.”
„Ich behaupte, das löst ein Problem, das wir bisher bisher noch gar nicht erörtert haben.”
Der Weg nach Bodh Gaya
„Welches Problem?”, fragte Nilay.
„Du willst doch Manisha mitnehmen zur Metta-Sangha. Eine Nonne in einer Gruppe von überwiegend Männern? Oder wollt ihr eine junge Nonne allein im Abstand von den anderen reisen lassen? Wenn aber Parvati wie eine Novizin als Dienerin von Manisha mit uns reist, ist das Problem gelöst. Dass eine Nonne mit ihrer Dienerin dabei im Schutz einer kleinen Karawane reist, wird jeder verstehen.”
Nilay besprach das Thema noch mit Devamitta, der Nareshs Überlegungen absolut schlüssig fand. Und so kam es, dass die beiden jungen Leute nicht nur zu Nilay zogen, sondern ihn auch bei seinen Reisen nach Pataliputra und Benares begleiteten.
Im Laufe der drei Vorbereitungsjahre kristallisierte sich heraus, dass es etwa 50 Familien mit insgesamt 300 Personen gab, die die Übersiedlung zur Mettā-Sangha ernsthaft erwogen. Die allermeisten wollten allerdings nicht in der Pilotgruppe sein. Lediglich eine Familie, die Opfer einer Auseinandersetzung in ihrem Stammesumfeld war, war bereit, sofort mitzuziehen - es handelte sich um eine achtköpfge Familie. Ein weiteres frisch vermähltes Paar und fünf junge Männer waren auch bereit, mit der Pilotgruppe zu starten.
Im Frühling des Jahres 71 u.
Z. trafen sich Nilay, Devamitta, Naresh und Parvati zur Vorbesprechung. Devamitta eröffnete das Gespräch:
„Am Vollmond nach dem Monat Vesakh müssen wir in Bodh Gaya sein, um Manisha abzuholen. Das werden Nilay und ich machen. Da zwei Männer nicht mit einer Nonne reisen können, kommt Parvati mit...”
Diese jubelte vor Begeisterung: „Das habe ich mir gewünscht! Ich möchte nach Bodh Gaya, möchte unter dem Bodhi-Baum meditieren! Herrlich! Und hinterher darf ich als Bedienstete einer richtigen Nonne gehen. Und ganz bestimmt kann die mir eine ganze Menge erklären, wie ich meinen Geist reinigen kann - nach all den Auseinandersetungen in meinem Elternhaus. Ich freue mich ja so sehr!”
Devamitta dämpfte die entstandene Euphorie: „Da das zu so starker Begeisterung führt, muss ich jetzt allerdings sagen, dass Naresh nicht mitkommen wird. Tut mir leid, Naresh, du wirst nicht die Gelegenheit haben, in Bodh Gaya zu meditieren. Nilays Haus ist inzwischen zu einer Anlaufstelle für alle geworden, die sich möglicherweise an unserem Projekt beteiligen. Wir können diese Anlaufstelle jetzt - in der heißen Phase vor unserer Abreise - nicht zwei, drei Wochen allein lassen. Du hast also eine verantwortungsvolle Aufgabe. Während unserer Abwesenheit bist du praktisch der kommissarische Leiter unseres Projektes. Du bist der Ansprechpartner für alle. Sollte es besonders schwierige Entscheidungen zu treffen geben, wäre es vermutlich besser, du würdest bis zu unerer Rückkehr warten, alles andere würde ich dich bitten, selbst zu entscheiden.”
„Ich bin mir der Verantwortung bewusst - und danke euch für das Vertrauen, das ihr in mich setzt”, antwortete Naresh sichtlich gerührt.
Im Spätfrühling unternahmen dann Devamitta, Nilay und Parvati die Reise nach Bodh Gaya. Für die beiden Männer war das Umherreisen in Bhārat Gaṇarājya nichts Besonderes und sie waren ja bereits zweimal gemeinsam nach Bodh Gaya und wieder zurück gewandert.
Ganz anders war es für Parvati - ihr erging es so wie drei Jahre zuvor Manisha, für sie war alles neu und spannend. Besonders ungewohnt war natürlich die Großstadt Pataliputra und die Überquerung des Ganges. Am meisten beeindruckt war Parvati allerdings von Bodh Gaya. Zwar waren sie nicht zu Vesakh da, wo sich hier besonders viele Pilgerscharen tummelten - und nicht wenige sich erhofften, in der Vollmondnacht des Vesakh ein ähnlich erschütterndes Erlebnis zu haben, wie der Buddha, der über 600 Jahre zuvor hier sein Erwachen erreichte.
Aber auch jetzt, bei Normalbetrieb, war der Andrang der Gläubigen, der Pilger und die Stände der Devotionalienhändler für Parvati ungeheuer beeindruckend. Unsere drei Reisenden ließen es sich aber nicht nehmen, täglich unter dem Bodhi-Baum zu meditieren. Devamitta und Nilay suchten auch einige nicht zu sperrige Devotionalien, die sie der Mettā-Sangha als Geschenke mitbringen wollten. Und Nilay schenkte Parvati eine Mala, eine Gebetskette und eine Halskette mit einem Dharma-Cakra. Auch ansonsten brauchten sie sich keine finanziellen Sorgen zu machen, da Nilay genügend Geld für alle Fälle dabei hatte. Sie aßen an den Essensständen und übernachteten in den Pilgerherbergen.
Am Tag vor Vollmond wurde Nilay unruhiger, er sah sich überall um, und dann entdeckte er sie: Seine Enkelin Manisha in einer Nonnenrobe an der Seite von Ayya Karuna und in Begleitung von einigen Novizinnen. Freudig stürmte er auf sie zu - doch zugleich erhob Ayya Karuna ihre Hand und rief: „Halt! Bleib zurück. In drei Tagen kannst du deine Enkelin Karunadakini1 (Bhikkhunī Manisha) begrüßen!”
Man konnte Nilay die Enttäuschung ansehen, als er stehen blieb. In der Tat, er hatte sich ungehörig verhalten gegenüber von Nonnen und Novizinnen. Sein Fehler war ihm bewusst, und doch verspürte er es wie einen Stich in sein Herz, dass seine Enkelin nicht einmal aufgesehen hatte zu ihm.
Devamitta legte seinen Arm um seinen Onkel - er verstand dessen Schmerz: „Sei nicht enttäuscht Nilay, sie bekommen antrainiert, nicht auf Männer zu achten, schon gar nicht auf solche, die so eindeutig auf sich aufmerksam machen, wie du das eben tatest.”
Nilay nickte, aber es folgten für ihn drei unangenehme Tage. Er war sich nicht sicher, wie seine Enkelin jetzt zu ihm stand. Er war sich nicht einmal sicher, ob sie bereit war, ihr Kloster zu verlassen und mit zur Mettā-Sangha zu kommen. Ihm war mit einem Mal klar geworden, dass die junge Frau nicht mehr seine Enkelin Manisha war, sondern die Nonne Karunadakini. Das war in der Tat ein schöner Name, wie Nilay fand, der auch eine Zuschreibung dessen war, wie man sie im Kloster sah. Und natürlich lag in diesem Namen auch so etwas wie eine Verpflichtung, dem durch sein Handeln gerecht zu werden.
Am nächsten Tag beobachtete Nilay diejenigen, die zum Bodhi-Baum kamen, um zu meditieren. Sobald er der Gruppe um Ayya Karuna ansichtig wurde, setzte er sich auch zur Meditation - und zwar so, dass er Bhikkhunī Karunadakini mit scheinbar geschlossenen, aber doch einen Spalt offenen Augen sehen konnte. Sie aber beachtete ihn gar nicht. Sie konnte ihn gar nicht gesehen haben! Sie war mit einem auf den Bodhi-Baum gerichteten Blick gekommen, hatte kurz gesehen, wie sich Ayya Karuna setzte - und nahm dann neben ihr Platz. Sie öffnete während der ganzen Meditation die Augen nicht. Und obwohl Nilay wusste, dass das dem Nonnenreglement entsprach, schmerzte es ihn.
Als die Nonnen gingen, stand auch er auf und verließ den Platz. Devamitta erwartete ihn am Rand des Platzes: „Du benimmst dich wie ein verliebter Vierzehnjähriger! “
„Ich habe Angst, meine Enkelin verloren zu haben!” gestand Nilay.
„Deine Sorgen sind unbegründet”, schaltete sich jetzt Parvati ein, „Ich habe mit Bhikkhunī Karunadakini gesprochen. Sie kommt selbstverständlich mit uns zur Mettā-Sangha und freut sich sehr auf die Begegnung mit uns übermorgen, insbesondere mit dir, Nilay.”
„Du hast sie gesprochen?” fragte Nilay das Mädchen ungläubig.
„Na klar. Ich habe doch gesehen, wie du gestern gelitten hast, daher habe ich mit ihr gesprochen. Schau doch nicht so ungläubig! Du weißt doch, dass Nonnen nicht mit Männern sprechen oder ihnen in die Augen schauen dürfen. Aber mit Frauen können sie sich ganz normal unterhalten. Ich bin einfach auf sie zu und habe gesagt: `Hallo Bhikkhunī Karunadakini, schön dich zu sehen. Ich bin Parvati, wir werden zusammen zur Mettā-Sangha reisen. Ich werde unterwegs deine Dienerin sein´.”
„Einfach so?”, wunderte sich Nilay. „Und was hat sie geantwortet?”
„Sie hat gesagt: `Da bin ich aber beruhigt. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, wie das gehen soll - ich kann doch als Nonne nicht mit zwei Männern reisen. Das ist toll, dass ihr das Problem gelöst habt. Aber ich will keine Dienerin bei mir haben. Was ich brauche ist eine Freundin, auf die ich mich genauso verlassen kann, wie sie sich auf mich.´ Dann haben wir uns umarmt.”
Nilay kamen die Freudentränen - doch dann hatte er auch wieder Bedenken: „Ich hoffe diese strenge Ayya Karuna hat das nicht mitbekommen!”
„Da muss ich dich enttäuschen, Nilay. Ayya Karuna hat direkt daneben gestanden - und hat bis über beide Ohren vor Freude gestrahlt. Dann hat sie noch gesagt, dass sie so etwas erwartet habe - schließlich wäre Devamitta ein kluger Mann. Und sie war sich sicher, dass der sich bestimmt um eine passende Begleiterin gekümmert habe.”
Jetzt war auch Nilay erleichtert: „Ich bin ja so froh, dass ich euch beide habe. Euch beide, und auch Nadesh und Manisha!”
„Bhikkhunī Karunadakini, nicht Manisha!”, tönte es unisono aus den Mündern von Parvati und Devamitta. - Nilay musste über seine eigene Ungeschicklichkeit lachen.
Zwei Tage später hielten sich unsere drei Reisenden in der Nähe des Zugangs zum Bodhi-Baum auf, als die Gruppe um Ayya Karuna kam, um sich unter dem Baum zur Meditation niederzulassen. Auch unsere drei Reisenden gingen jetzt zu diesem Meditationsplatz und setzten sich nebeneinander. Nach einige Zeit berührte Nilay Parvati und Devamitta an der Hand. Die öffneten die Augen - und sahen, dass Ayya Karuna mit den Novizinnen aufgestanden war und den Platz verließ. Bhikkhunī Karunadakini saß weiterhin in Meditation. Etwa eine halbe Stunde später stand auch sie auf und ging zum Ausgang, unsere drei Reisenden folgten ihr.
Als Parvati sich Bhikkhunī Karunadakini näherte, sagte Devamitta zu Nilay: „Wir warten hier. Wenn die beiden Frauen losgehen, folgen wir ihnen im Abstand. Wenn wir außerhalb sind, wo keine anderen Menschen sind, kannst du mit deiner Enkelin sprechen - aber nur dort.”
Nilay seufzte, das Leben kann ja
so kompliziert sein!
Und leider war auch auf der Straße in die Stadt Gaya und in der Stadt selbst viel Betrieb, so dauerte es bis fast zum Abend, als sie endlich so weit nördlich von Gaya waren, dass keine Menschen mehr in Sichtweite waren. Jetzt drehte sich Bhikkhunī Karunadakini, die mit Parvati etwa 50 Schritte vor den Männern ging, um - sah sich um, dass wirklich niemand in der Nähe war, dann rannte sie auf Nilay zu, umarmte ihn und küsste ihn auf die Wangen: „Ich bin ja so froh, bei euch zu sein!”
Nilay rannen die Freudentränen über beide Wangen, damit hatte er nicht gerechnen, mit einem Schlag waren alle Sorgen und Bedenken weggewischt. Am Abend unterhielten sie sich noch lange, tauschten Erlebnisse der letzten Jahre aus - bis sie endlich, da war es schon fast Mitternacht, so müde waren, dass sie sich schlafen legten.
Die weitere Rückreise zu Nilays Haus verlief unspektakulär.
Dort wartete Naresh bereits sehnsüchtig auf die
beiden.
„Ich habe für Bhikkhunī Karunadakini und Parvati das Zimmer im Obergeschoß neben dem Schlafraum der Bediensteten bereitet, ist das recht so?” Da auch die Bediensteten alle weiblich waren, war das naheliegend.
Eine Woche später begann die Regenzeit. Während dieser hatten sie keinen Kontakt zu ihren Anhängern in Pataliputra und Benares, dafür verliefen die Vorbereitungen mit den Menschen vor Ort um so intensiver.
„Was wird eigentlich aus deinem Haus, wenn du hier weggehst?”, fragte Devamitta Nilay bei einer ihrer täglichen Zusammenkünften mit Parvati, Nadesh und Bhikkhunī Karunadakini.
„Naja, meine beiden Söhne leiten die Zweige meines früheren Unternehmens in Benares und Pataliputra. Meine einzige Tochter hier im Ort lebt bei ihrem Ehemann, die haben selbst ein großes Haus, aber ich wüsste dennoch nichts Besseres, als es ihr zu übertragen. Wem denn sonst?”
„Ich habe da eine Idee, die du vielleicht erwägen solltest, Nilay”, begann Devamitta. „Bisher hat euch Männer Nagamuni im Kloster unterrichtet, früher wurden auch Frauen unterrichtet - aber das ist in einem Mönchskloster nicht möglich. Wir könnten allerdings hier im Haus eine Dharma-Schule aufmachen, die Nagamuni leitet, da könnten dann in den nächsten beiden Jahren auch die Ehefrauen und Töchter der Männer unterrichtet werden, die erwägen zur Mettā-Sangha zu gehen.”
Die anderen waren begeistert
von dieser Idee vor allem Manisha plädierte
dafür: „Mädchen wie ich und Frauen haben doch
sonst gar keine Chance, den Dharma kennenzulernen!”
Im weiteren zeigte es sich allerdings, dass Aryamitta Bedenken gegen dieses Projekt hatte, weil er einen Konflikt mit den Brahmanen fürchtete. Diese Bedenken konnten jedoch gemildert werden, da Devamitta und Nagamuni dem Abt versicherten, dass die Anbindung ans Kloster dadurch gewahrt bliebe, dass Nagamuni weiter im Kloster lebt und integriert ist - und nur zum Unterricht in die Dharma-Schule ginge. Außerdem sei das Wort Dharma in dem Begriff Dharma-Schule kein rotes Tuch für die Brahmanen, denn sie verwendeten dieses auch, Dharma heißt schließlich „Wahrheit”.
Von den Männern, die bis dahin den Unterricht Nagamunis im Kloster besuchten, wurde diese Veränderung freudig aufgenommen, sodass man das sofort in die Praxis umsetzte. Gerade jetzt, in der Regenzeit, war das von Vorteil, denn in dieser wären wetterbedingt viele Männer sonst nicht zum Unterricht ins Kloster gegangen. Schon während des ersten Monats zeigte sich, dass der Frauen- und Mädchenanteil an den Schulungen rasch anstieg - und schon bald mindestens dem Männeranteil entsprach.
Als die Regenzeit endete, war der Schulunterricht in Nilays ehemaligem Haus bereits zur Routine geworden, und auch die Vorbereitungen für die Reise waren beendet. Nilay hatte zwei Kamele, zwei Pferde und drei Maultiere erstanden. Sie wollten zwar möglichst ohne Gepäck reisen - aber mindestens die Bücher des Pāḷi-Kanons, die Devamitta für die Mettā-Sangha kopiert hatte, mussten mit. Das waren nicht weniger 45 dicke Bände, also die volle Last für eines der Kamele. Außerdem wäre es gut, Reittiere dabei zu haben. Nilay, der sich auf den letzten Reisen nach Bodh Gaya bereits schwer getan hatte, der aber ein guter Reiter war, beanspruchte eines der Pferde für sich - das zweite war für Nadesh, der sich inzwischen zu so etwas wie dem Anführer der Siedler gemausert hatte.
Am achten Tag nach dem Ende des Regens verließ die Gruppe das Haus, in dem Nilay sein ganzes Leben verbracht hatte – und verständlicherweise hatte er Tränen in den Augen, denn er wusste, dass er es nie wiedersehen würde. Die kleine Gruppe, die hier jetzt abreiste, bestand neben Devamitta, Karunadakini, Nilay, Nadesh und Parvati aus zwei weiteren Männern und zwei der bisherigen Bediensteten Nilays, die dritte wollte hier bleiben, also aus neun Personen. Das erste Ziel der Siedlergruppe war Pataliputra, das sie nach zwei Wochen erreichten. Hier wurden zwei weitere Männer und die achtköpfige Familie aufgenommen, diese Bestand aus einem Ehepaar und vier Kindern im Alter zwischen vier und zwölf Jahren sowie den Eltern des Mannes. Unsere Reisegruppe war jetzt sehr viel heterogener zusammengesetzt und es dauerte einige Tage, bis sich das eingespielt hatte. In den ersten beiden Tagen kam man daher nur weniger als jeweils zehn Meilen täglich voran, während das Reisetempo normalerweise bei etwa 15 Meilen lag. Eines der Maultiere hatte man der Familie gleich zugeteilt, aber bereits am zweiten Tag hatten sie ein zweites – wie es hieß `vorübergehend´ – erhalten. Auf diesem ritt die Oma der Familie gemeinsam mit einem der kleineren Kinder. Sie erreichten Benares erst nach 15 Tagen, wobei sich die Reisegeschwindigkeit gegen Ende deutlich verbessert hatte.
In Benares stieß noch ein junges Ehepaar dazu außerdem ein weiterer junger Mann. Ein Problem gab es, da die dazugekommene Frau inzwischen im dritten Monat schwanger war. Allerdings hatten die beiden insofern vorgesorgt, als sie bereits, bevor unsere Siedler eintrafen, einen Esel besorgt hatten, der als Reittier für die Schwangere genutzt werden konnte. Unsere Reisegruppe blieb zwei Tage in Benares - hier wurde unter anderem Proviant besorgt, denn man konnte nicht erwarten, täglich einkaufen zu gehen.
Als es von Benares aus weiterging, lag die Regenzeit bereits mehr als einen Monat zurück, sodass die Straßen inzwischen wieder in einem guten Reisezustand waren. Allerdings lag noch eine lange Wegstrecke vor unseren Siedler – insgesamt rund 1000 Meilen. Jedoch war die Wegstrecke sehr viel angenehmer, als diejenige, die Jesus bei seinen Reisen zwischen Palästina und Bhārat Gaṇarājya zurückzulegen hatte, denn die ersten 800 der 1000 Meilen gingen durch relativ ebenes, teilweise hügeliges Land. Man reiste jeweils etwa sechs Tage und legte dann eine Rast von einem Tag ein. Einmal musste sogar eine Pause von zehn Tagen eingelegt werden, weil mehrere Personen erkrankt waren. Sie hatten damals in einem Städtchen glücklicherweise einen kompetenten Arzt gefunden, und blieben diese Zeit dort.
Sie erreichten Jammu2 am Tag der Wintersonnenwende. Devamitta hatte hier eine mehrtägige Pause angeordnet, in der sie sich in einer Herberge einmieteten. Devamitta und Nilay gingen zu einem Bergführer, um sich hinsichtlich der Bedingungen der weiteren Wegstrecke zu erkundigen. Schließlich kannte Devamitta diese Gegend nicht, denn er hatte das Kaschmirtal vor mehr als 20 Jahren über eine andere Route verlassen. Jetzt aber war außerdem Winter.
Als sie vom Bergführer zurückkehrten beriefen sie eine Sitzung ein, zu der sie den Vater der achtköpfigen Familie, die Schwangere sowie natürlich Bhikkhunī Manisha, Nadesh und Parvati zuzogen.
Devamitta eröffnete die Sitzung: „Wir müssen heute eine wichtige Entscheidung treffen. Wir sind zwar nur noch 150 Meilen von der Mettā-Sangha entfernt, aber es geht ins Gebirge, über mehrere Pässe, die so hoch sind, dass es sich diejenigen von euch, die den Himalya nicht kennen, also die Leute aus Pataliputa und Benares, überhaupt nicht vorstellen können. Es wird dort eisig kalt sein. Selbst mittags wird die Temperatur in den Bergen nicht über den Gefrierpunkt steigen. Alles, was wir bisher zurückgelegt hatten ist dagegen ein Kinderspiel gewesen.”
Narami, das war die inzwischen im
siebten Monat schwangere Frau, war das Entsetzen
anzusehen. Sie hielt die Hände fest auf ihrem Babybauch. Nilay wandte sich direkt an Narami: „Keine Angst Narami, wir werden dir das während
deiner Schwangerschaft nicht zumuten. Mein Vorschlag ist:
Dein Mann und du, ihr bleibt über den Winter hier in
dieser Herberge. Zur gegebenen Zeit wirst du hier dein
Kind bekommen. Und im Frühjahr kommen zwei von uns hierher
zurück und holen euch ab. Ich werde euch genügend Geld
dalassen, dass ihr in dieser Zeit ein Auskommen habt und
auch eine Hebamme euch unterstützt.”
Man konnte förmlich sehen, wie Narami aufatmete.
„Und jetzt zu dir, Dhiren”, wandte er sich an den Haushaltsvorstand der achtköpfigen Familie, „glaubst du, du kannst die weitere Reise deiner Familie zumuten?”
Dhiren war die Anspannung anzusehen,
er überlegte einige Augenblicke lang, bevor er antwortete:
„Für meine Eltern wird das sehr schwer werden, und es ist auch für die jüngeren Kinder alles andere als leicht. Es wird nur dann gehen, wenn wir die Reisegeschwindigkeit herabsetzen. Mir ist klar, dass wir auf diese Weise länger in den kalten Bergen bleiben müssen, aber das ist vermutlich die einzige Möglichkeit, wie wir es schaffen können.”
Jetzt schaltete sich Devamitta ein: „Ich schlage vor, die Tagesetappen zu halbieren. Wir nehmen uns statt 15 Meilen täglich nur sieben Meilen vor. Wir werden für die längere Reisedauer dadurch vorsorgen, dass wie reichlich Nahrung mitnehmen. Es dürfte auf der Strecke genügend Brennholz geben, damit wir uns abends immer ein Feuer machen können, um uns zu wärmen. Außerdem werde ich uns noch zwei bewaffnete Wächter besorgen, die uns begleiten. Im Gebirge ist die Begegnung mit Räubern und wilden Tieren nicht auszuschließen.”
Devamitta sah in die Runde: „Wenn ihr das alle so unterstützen könnt, machen wir es so. Wir brauchen von unserer Abreise an bei der vorhin beschlossenen Geschwindigkeit vermutlich fünf Wochen.”
Narami hatte noch eine Frage: „Wann kommt denn dann jemand um uns abzuholen, meinen Mann, das Baby und mich?”
„Wann denkst du, dass ihr reisefähig seit?” fragte Nilay.
„Ich denke in vier Monaten dürfte es soweit sein, dann ist auch der Winter vorbei.”
„Gut, dann werde wir dafür sorgen, das heute in vier Monaten jemand hier ist, um euch abzuholen. Wir schicken euch zwei Personen mit einem Maultier, ist das in Ordnung so?”
„Prima”, sagte Narami, und atmete sichtlich auf.
Vier Tage später setzte sich der Siedlertreck wieder in Bewegung. Es fehlte nur das junge Paar - dafür waren jetzt zwei bewaffnete Wächter mit von der Partie. Und noch etwas hatte sich seit der Abreise verändert: eine der Bediensteten Nilays und einer der jungen Siedler waren inzwischen ein Paar geworden.
Zum Glück erwiesen sich die Wächter als nicht wirklich notwendig. Zweimal verscheuchten sie Hyänen und einmal verletzten sie eine angreifende Löwin mit einem Pfeil, die Löwin konnte entkommen. Ansonsten gab es keine Zwischenfälle, auch wenn vor allem die älteren Siedler und die Kinder an ihre physischen Grenzen kamen. Nach drei Wochen im Hochgebirge erreichten sie das Kaschmirtal, hier war das Reisen genauso einfach, wie es war, bevor sie den Himalaya erreichten, allerdings war es weiter sehr viel kälter, aber in den Mittagsstunden stieg die Temperatur über den Gefierpunkt.
Ein Déjà-vu
Als sie bereits den gebirgigen Teil der Reise hinter sich hatten, gelangten sie nach Kazal, jener Stadt, in der Devamitta vor gut 20 Jahren mit seinem Lehrer Kalenian und Ranjid war. Hier legten sie eine Rast ein, sie übernachteten in einer Herberge. Fand Devamitta seinerszeit den Umgangston in Kazal ziemlich aggressiv, so musste er jetzt feststellen, dass er sich in nichts von dem Unterschied, was in den meisten anderen Städten üblich war.
Am Abend ging Devamitta zum Marktplatz, er suchte das Lokal, wo er einst für einen Zechpreller gehalten wurde - zwei Tage Sklavenarbeit leisten musste. Das Haus war noch da, und es schien auch noch eine Schenke zu sein. Er stand etwas unschlüssig davor, als die Bedienung den Gästen Getränke brachte. Er starrte die bedienende Frau an – das konnte doch nicht wahr sein: Die junge Frau, er würde sie vom Aussehen her auf fünfzehn Jahre schätzen, sah aus wie vor mehr als zwanzig Jahren, als er sich mit ihr unterhalten hatte!
Da bemerkte sie ihn, runzelte die Stirn und sagte: „Also manchmal werde ich schon von Männern begafft – aber noch nie von einem Mönch!”
Devamitta war das ungeheuer peinlich. „Entschuldigung, ich muss Sie verwechselt haben, ich war als junger Mann einmal hier...”
„Ach ja”, lachte sie, „meine Mutter! Ich sehe ihr unwahrscheinlich ähnlich, sagen die Leute, sie muss früher so ausgesehen haben wie ich jetzt. Sie ist in der Küche, ich kann sie ja einmal rufen, nehmen Sie doch Platz, kann ich Ihnen etwas bringen?”
„Nein danke”, antwortete Devamitta rasch. „Mönche dürfen kein Geld haben.”
„Ich weiß, Sie sind eingeladen. Man sagt, das bringt gutes Karma.”
Jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu setzen. Sich gutes Karma zu machen, sollte man niemanden verweigern. Aber eigentlich wollte er gar nicht mit der Frau - also dem jungen Mädchen von damals - reden. Zu schlecht waren seine Erinnerungen an diese Zeit. Doch in diesem Moment kamen Mutter und Tochter aus dem Haus.
„Du hast mir ja gar nicht gesagt, dass er ein Mönch ist”, sagte sie und sah ihre Tochter etwas vorwurfsvoll an, dann setzte sie sich ihm gegenüber. Sie sah ihn an, dann verspürte er das Entsetzen in ihren Augen: „Seid Ihr das Nilay? Ich habe mir damals entsetzliche Vorwürfe gemacht, weil ich Euch Unglück brachte.”
„Ich wollte einfach noch mal nach dir sehen...” entschuldigte sich Devamitta, „wollte sehen, was aus dir geworden ist.”
„Naja, ich bin jetzt die Wirtin. Zum Glück: mein Vater war ein richtig gemeiner Kerl, wie Ihr ja wisst. Er ist übrigens nur wenige Wochen, nachdem Ihr da wart, erschlagen worden - vermutlich von einem der Sklaven. Die waren am nächsten Tag nämlich alle verschwunden. Ich muss gestehen, ich war froh, als er tot war - er war ein richtiger Tyrann. Dann hat meine Mutter eine Zeitlang das Lokal geführt. Ich habe dann geheiratet und mein Mann leitet es heute. Und wie Ihr seht, habe ich eine Tochter, die mindestens so hübsch ist wie ich damals.”
Devamitta schaute auf seinen Trinkbecher: „Als deine Tochter mich angesprochen hatte und dich holen wollte, war ich entsetzt - wusste nicht, was ich sagen sollte, wenn du kommst. Aber jetzt bin ich doch dankbar, dass ich hier war. Und dass das kein Sklavenhalterhaus mehr ist. Danke! Ich denke ich gehe jetzt besser.”
„Das ist aber schade, bleibt doch noch etwas!”
„Nein, ich muss weiter. Ich stamme aus der Mettā-Sangha und war 20 Jahre weg. Es ist Zeit zurückzukehren zu meinen Eltern. Ich hoffe sie leben noch. Vielleicht hast du ja irgendwann einmal Zeit und Lust in der Mettā-Sangha vorbeizuschauen...!”
„Das kann ich mir gut vorstellen – ach, wie heißt Ihr eigentlich jetzt?”
„Devamitta, ich heiße Devamitta – alles Gute für euch beide!”
Devamitta war froh, dass er dorthin gegangen war. Als er hier damals Sklavenarbeit leisten musste, ist ihm erstmals bewusst gewesen, wie gut es in der Mettā-Sangha ist. Dennoch wollte er wissen, ob es nicht woanders etwas noch Besseres gäbe - oder etwas, das es wert wäre, in der Mettā-Sangha eingeführt zu werden. Inzwischen wusste er: Die Mettā-Sangha ist der vollkommenste Ort in ganz Bhārat Gaṇarājya. Es gab nur etwas, was dort noch fehlte: ein richtiges Kloster. Das zu errichten würde jetzt sein Projekt werden!
Am nächsten Tag zogen sie wieder los, es war ja jetzt nicht mehr weit. Am Vormittag des übernächsten Tages rief Devamitta zu Naresh: „Reite voran, in gut einer Stunde kommst du an ein Dorf, an unsere Mettā-Sangha, kündige einen Siedlertreck von 20 Personen an – aber sage nichts von mir!”
„Klar doch, das soll schließlich eine Überraschung werden!”, lachte Naresh und galoppierte voran. Als Nilay sah, wie Naresh sich absetzte, kam er zu Devamitta: „Das hieß doch wohl, wir sind gleich da?”
„Ja, Nilay, und dann kannst du deine Schwester wiederfinden, die dir damals in Bodh Gaya abhanden kam.”
„Ich glaube, ich werde eine ganz andere Frau dort treffen als meine Schwester. Sie war allerdings damals schon ungeheuer klug – vielleicht sogar weise. Aber wer sie jetzt auch immer ist, ich freue mich riesig darauf, sie wieder zu treffen.”
„Leute, Männer, Frauen und Kinder!” rief jetzt Devamitta. „Heute ist der große Tag, heute werden wir in der Mettā-Sangha eintreffen. Dann hat die Mühe des Wanderns ein Ende!”
Selbstverständlich führte das zu einer großen Erleichterung, alle freuten sich auf eine Ende der Strapazen. Dennoch war da in fast allen auch ein gewisser Zweifel: Was, wenn es doch ganz anders sein sollte? Wenn die Mettā-Sangha nicht mehr das war, woran sich Devamitta zu erinnern glaubte?
Knapp drei Stunden später sahen sie zwei relativ große Gebäude an der Straße, dahinter zahlreiche Einfamilienhäuser, von denen keines älter war als 20 Jahre. Und jetzt, wo der Wald auf der rechten Wegseite endete, sahen sie auch einen großen See und eine Siedlung auf der rechten Seite. In diese Siedlung führte ein von Blumenbeeten gesäumter Weg.
Automatisch gingen jetzt alle schneller. Nilay wollte vorangaloppieren - doch dann besann er sich - stieg von Pferd und wartete auf Devamitta, damit sie gemeinsam an der Spitze des Siedlerzuges gingen. Jetzt sah Nilay auch, dass ihnen Menschen entgegengingen – allen voran lief eine ältere Frau. Ihm stockte dar Atem: Ihre Schrittfolge, diese spielerische Leichtigkeit trotz ihres hohen Alters - Nilay erkannte sie! Tränen schossen ihm in die Augen. Auch Devamitta war jetzt ganz aufgeregt und lief so schnell, dass Nilay nicht mit ihm Schritt halten konnte.
Jetzt sprangen sich Devamitta und seine Mutter in die Arme. Der große Mann, der ihr gefolgt war, schien zunächst entsetzt darüber – jetzt begriff Nilay: Das war Devamitta! Halt nein - natürlich nicht der Devamitta von heute, der hielt ja Amita in den Armen, das war der Devamitta von früher, also Jesus, oder Yuz, wie er jetzt wohl hieß.
Amita hatte sich jetzt von ihrem Sohn Devamitta gelöst, sie sah nun Nilay an. Nilays Herz schlug höher: Seine geliebte Schwester, die er so lange in Bodh Gaya gesucht hatte – damals vor 40 Jahren –, ging strahlend auf ihn zu. Jetzt schlang sie ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn auf beide Wangen, Tränen liefen über ihr Gesicht, als sie sagte: „Nilay es tut mir so leid, das ich dir soviel Schmach bereitet habe, nichts anderes in meinem Leben hat je mein Gewissen so belastet.”
„Liebste Schwester - wunderbare Amita - du hast alles richtig gemacht , du... du... - du Mutter der heiligen Familie! Und auf deinen Sohn kannst du ungeheuer stolz sein! Er hat Glanz ins Kloster Weiße Wolke gebracht, wie damals sein Vater.”
Nach
der allgemeinen Begrüßungszeremonie wurden erst einmal
alle neuen Siedler in den Gasthof gebracht.
„Kommt erst einmal alle an, esst etwas, ruht euch aus”, sagte Raj, der als weltliches Oberhaupt des Dorfes, als Geschäftsführer der Mettā-Sangha, das Wort ergriffen hatte: „Dann anschließend werden wir eine Führung für euch neue Siedler durch das Dorf machen. Wir werden euch alle Einrichtungen erklären. Dazu werden drei Gruppen gebildet. Eine der Gruppe wird Amita führen, eine Yuz - und eine ich.”
Die
Siedler nahmen Platz an den Tischen des Dorfgasthofs. Parvati saß neben ihrem Bruder Naresh und beäugte den Ablauf:
„So wie ich das verstanden habe, gibt es eine spirituelle Hierarchie mit dem heiligen Paar an der Spitze und dieser Raj leitet wohl die wirtschaftlichen Betriebe. Ich denke er ist – wie wir – aus der Kaste der Kṣatriyas, er tritt so auf. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sich nicht in den letzten 20 Jahren wieder die alten Strukturen durchgesetzt haben!”
Naresh schüttelte den Kopf: „Ich glaube nicht Parvati – obwohl sein Auftreten schon so ein bischen Kṣatriya-mäßig ist, alter Adel eben. Weißt du – nachher bei den Führungen gehen wir beide in seine Gruppe und fühlen ihm einmal auf den Zahn.”
„Ich sehe: Wir verstehen uns Bruderherz!”
Gut eine Stunde später stand Raj auf: „Die ersten sieben Neusiedler für meine Führung bitte zu mir. Die zwei anderen Führungen durch Amita und Yuz folgen mit jeweils einer halben Stunde Abstand.”
Sofort begaben sich Parvati und Naresh zu Raj, außerdem nahmen an dieser Führung teil: der Familienvater Dhiren mit drei seiner Kinder (nur die Jüngste, die Vierjährige, blieb bei ihrer Mutter), außerdem eine der Bediensteten von Nilay.
Raj begrüßte die Teilnehmer seiner Gruppe und ließ sie sich einzeln vorstellen, dann sagte er: „Wir beginnen hier in diesem Haus mit dem Rundgang. Wie ihr bereits gesehen habt, ist es der Dorfgasthof. Im Obergeschoss befinden sich einige Gästezimmer, dort wohnt auch ein Dauergast, ein ehemaliger Großkaufmann, dessen Karawanen international tätig waren. Er ist heute ein Sponsor unserer Gemeinschaft.”
Raj klopfte im Obergeschoss an eine Tür und Śiva öffnete ihnen: „Aha, die erste Gruppe der neuen Siedler! Kommt bitte herein und setzt euch. - Ich bin übrigens das Untypischste, was es in der Mettā-Sangha gibt: einfach ein alter Mann, der sich hier zur Ruhe gesetzt hat. Ich war früher als Kaufmann tätig – und bin auf diese Art zu Geld gekommen. Und ich bin viel herumgekommen. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch die Mettā-Sangha kennengelernt. Glaubt einem weitgereisten Mann: Das ist der beste Ort, den es in ganz Bhārat Gaṇarājya gibt. Ihr könnt euch glücklich schätzen, hier zu sein.”
Raj erwiderte den Dank: „Und wir können uns glücklich schätzen, einen solchen Sponsor zu haben, denn nur durch ihn können wir verschiedene Projekte durchführen. Ein solches Projekt besteht darin, jungen Menschen, die hier aufgewachsen sind, und die nicht sicher sind, ob dies hier der bestmögliche Ort ist, zu ermöglichen, die Welt draußen kennenzulernen und ihnen dabei zu helfen. Fast alle kommen zurück.”
Parvati hatte eine Frage: „Das hier ist offensichtlich das größte und älteste Gebäude hier, vermutlich war es früher das Herrenhaus. Ich nehme an, du bist hier aufgewachsen Raj?”
„Ja, das ist richtig. Ich bin hier aufgewachsen - in jener dunklen Zeit, als es hier im Ort noch Kasten gab. Das ist zum Glück vorbei.”
„Was ist mit deinen Eltern passiert? Sind sie gestorben, wurden sie verjagt oder gab es so etwas wie eine Revolution?”
Jetzt
musste Raj lachen: „Man
kann es durchaus eine Revolution nennen: Eine friedliche
Revolution, angeführt von Yuz und Amita. Und was meine Eltern angeht:
Die befragt ihr am besten selbst, wir werden sie während
unseres Rundgangs noch treffen.”
Dann verabschiedet er sich von Śiva.
Während sie das Haus verließen erklärte der Geschäftsführer: „Da ihr euch so für meine Eltern interessiert, gehen wir jetzt rüber in den Tempel.” Kaum dass sie diesen betraten, gab es ein ziemliches Staunen, denn alle Wände waren bemalt: Die Gemälde illustrierten offensichtlich Geschichten.
„Das ist toll!”, freute sich Parvati. „Das sind ja Geschichten aus dem Leben des Buddha. Hier sitzt er unter dem Bodhi-Baum und dort lehrt er den fünf Asketen den Dharma. Wer hat das denn alles gemalt?”
„Dieser Mann hier!”, erklärte Raj mit höchster Empathie. „Es ist vermutlich das Beste, was er in seinem Leben geschaffen hat - vor allem das, was ihm am meisten Freude bereitet hat.”
Jagan lachte: „Möglicherweise, Raj - möglicherweise. Aber es ist mir noch etwas anderes gelungen, das ähnlich wichtig ist, ich habe nämlich drei Kinder gezeugt, liebe neue Siedler; einen davon kennt ihr schon, das ist dieser hier, Raj – und die anderen beiden sind genauso prächtig!”
Naresh war – ebenso wie seine Schwester – von dieser Wendung der Dinge beieindruckt: „Dann waren Sie ja der Herr von alledem hier – ein Kṣatriya – und Sie haben ihr früheres Leben aufgegeben, um jetzt Gleicher unter Gleichen zu sein!” Naresh fiel vor ihm auf die Knie: „Oh – wenn das doch mein Vater auch täte! Aber er ist leider ein böser Mann.”
Jagan schüttelte den Kopf: „Dein Vater ist nicht böse, nur so dumm, wie wir Kṣatriyas alle waren: so voller Dünkel, so verblendet. Ich hatte das Glück, dass mir Yuz und Amita einen Ausweg gezeigt haben. Aber ich war auch vorher nicht wirklich der Herr – ich habe nur eingeheiratet. Meine Frau war die Herrin.”
„Was ist aus ihr geworden?” fragte Dhiren.
„Ach – wisst ihr, über Sita, meine Frau, mag ich jetzt nicht sprechen. Am besten fragt ihr sie selbst. Ihr geht doch sicher noch ins `Haus der himmlischen Betreuung´, also ich meine: nach Ākāśaloka?”
„Ganz gewiss, Vater. Vorher gehen wir aber noch in die Schule, komm doch bitte mit.” Dann wandte sich Raj an die Siedler: „Die Schule, die ihr übrigens demnächst alle besuchen werdet, liebe Kinder, war früher unser Tempel, dort hat Raj auch viele Bilder angemalt. Und die werdet ihr alle in der Schule besprechen.”
Dann besichtigten sie die Schule. Als sie hinterher nach Ākāśaloka gingen, wies Raj noch auf ein kleines Haus hin: „Das ist das Haus, in dem die heilige Familie wohnt. Sie ist dorthin gezogen, nachdem eine arme alte Frau mit einem verkrüppelten Mann den Buddha um Hilfe gebeten hatte. Am folgenden Tag ist dann Yuz aus Palästina hier angekommen und Amita aus einem Kloster in der Nähe von Rājagṛha.
„Das klingt nach einem Wunder - wie es die Brahmanen aus alten Zeiten erzählen!”, wunderte sich Parvati.
Raj, der die Skepsis im Unterton dieser Aussage sehr wohl verstanden hatte, lächelte sie an: „Du hast recht – es war wunderbar. Aber es hat kein Brahmane erzählt – und es war nicht in uralten Zeiten, sondern zu meinen Lebzeiten. Ich kann es ebenso bezeugen wie alle anderen, die damals hier lebten. Wir werden ja gleich meine Mutter treffen – die könntet ihr beispielsweise fragen. Sie lebt in Ākāśaloka, das wir als nächstes besuchen, es ist das Steingebäude da vorn. Das Erdgeschoss mit zehn Räumen ist inzwischen bezogen – am ersten Obergeschoss wird derzeit gebaut, wie ihr sicher schon bemerkt habt. Und es ist auch noch ein zweites Obergeschoss vorgesehen.”
Inzwischen betraten sie Ākāśaloka. „Dieses Gebäude ersetzt nunmehr das frühere `Heim der himmlischen Betreuung´, das war früher im Obergeschoss des Gasthofs, dort, wo wir Śiva trafen. - Wir gehen jetzt in das Zimmer hier rechts.”
Sie betraten ein Krankenzimmer, im Bett lag eine 66-jährige Frau. Neben dem Bett stand etwas, das noch keiner der neuen Siedler je gesehen hatte: eine Art Sitzmöbel mit Rädern dran.
„Darf ich euch meine Mutter vorstellen?” Raj blickte in die Augen der neuen Siedler, die völlig erstaunt waren.
„Sie waren die Herrin dieses Ortes?”, fragte Nadesh. „Und Sie scheinen nicht mehr gehen zu können, wenn ich das hier richtig interpretiere?”
„Ja, Leute – und ich war ein Scheusal, eine richtige alte Hexe, eine Tyrannin! Jeder im Dorf wusste – oder glaubte zu wissen –, dass ich von einem Dämon besessen war. Ich habe allen hier im Dorf das Leben zur Hölle gemacht – allen, auch mir.”
„Sie waren eine Kṣatriya, eine von der üblen Sorte,
wie meine Mutter, und die von Parvati!”, stellte Nadesh sachlich,
aber nachdrücklich fest.
„So ist es, junger Mann, so ist es! Gut dass euch die Flucht gelungen ist – dank dem Sohn von Yuz.”
„Was hat Sie verändert?” wollte Parvati wissen.
„Was? Das ist die falsche Frage, junge Frau – es muss heißen: Wer! Es waren diese beiden wunderbaren Menschen, die durch das Bittgebet einer alten Frau hier aus dem Dorf plötzlich erschienen sind, die haben mich geheilt, die haben einen Dämon aus mir ausgetrieben. Yuz war damals der bekannteste Dämonenaustreiber weltweit – er hat früher im Römischen Reich gewirkt. Und er hat auch meinen Mann geheilt.”
„Jagan? Der war auch krank? Was hatte er denn? Wir haben ihn eben kennengelernt, ein sehr agiler alter Herr!”
„Er konnte kein einziges Wort sagen, ohne zu stottern, er war fast nicht zu verstehen. Und er hatte noch einen zweiten Defekt.”
„Welchen denn?”, fragte Parvati.
„Einen sehr misslichen, junge Frau, einen sehr misslichen. Er konnte bereits seit zehn Jahren den Geschlechtsakt nicht mehr vollziehen!”
Parvati errötete, sie hätte das wohl besser nicht fragen sollen, auch die andern schauten etwas betreten.
„Aber Amita und Yuz haben ihn auch davon geheilt! Die beiden sind einfach unübertroffen!”
Dhiren war skeptisch über so viel überschwängliches Lob: „Aber Ihre Lähmung haben sie offensichtlich nicht heilen können.”
„Meine Lähmung habe ich mir selbst zuzuschreiben. Obwohl Yuz und Amita mir verboten hatten, Schnaps zu trinken, habe ich mich wieder und wieder besoffen. Sie haben mich gewarnt, ich würde mir schechtes Karma machen. Ich aber war unflätig zu ihnen. In der Tat: ich habe mir miserabel schlechtes Karma gemacht – und dann bin ich im Suff die Treppe herabgestürzt. Als ich bemerkt hatte, dass ich gelähmt war, wollte ich nur noch sterben. Aber meine wunderbaren Kinder – hier dieser mein Sohn Raj ebenso die Zwillinge Shanti und Sunaj – und natürlich Yuz und Amita haben für mich gesorgt. Sie haben dieses Pflegeheim hier, Ākāśaloka, geschaffen – und sie haben das hier erfunden: den wohl ersten Rollstuhl der Welt. Man konnte ihn sogar mittels eines Flaschenzuges vom Obergeschoss des damaligen Herrenhauses, in dem ich wohnte, herunterlassen.”
Die Besucher stellten Sita noch weitere Fragen – und immer wieder kamen Belobigungen des heiligen Paares oder anderer Dorfbewohner heraus. Alle waren höchst beeindruckt. Den Teilnehmern der anderen Gruppen ging es ähnlich.
Am
Abend erschien dann noch Teja, der die erste Siedlergruppe
vor langer Zeit hierher geführt hatte, und erklärte ihnen:
„Liebe Neusiedler, ihr werdet in diesem Jahr drei Häuser errichten, ich werde euch dazu anleiten: ein großes Haus für die achtköpfige Familie und jeweils ein kleineres Haus für die junge Familie, die noch in Jammu ist und eines für das junge Paar unter euch. Die übrigen Personen werden in diesem Jahr kein Haus beziehen können. Mehr werden wir gemeinsam in diesem Jahr nicht schaffen. Ihr anderen werdet den nächsten Winter dort zubringen, wo ihr jetzt erst einmal alle eingewiesen werdet: in einem der beiden Wohnheime. Für die Arbeitseinteilung versammelt ihr euch morgen bei mir hier an dieser Stelle. Übermorgen wird es einen Dharma-Kurs für die neu dazugekommenen im Tempel geben. Anschließend werdet ihr gemäß eures Vorwissens in Schulklasssen – soweit es sich um die Kinder handelt – oder in Gesprächsgruppen für die Erwachsenen eingeteilt. Ich empfehle die morgendliche und abendliche Teilnahme an der Andacht. An Uposatha besuchen bitte alle die Veranstaltung im Tempel. In eurer Freizeit könnt ihr selbstverständlich machen, was ihr wollt. Ihr könnt euch da auch jederzeit in den Gasthof begeben.”
Taracitta war natürlich ebenso erfeut, ihren Bruder wiederzusehen – und noch dazu als Mönch. Und sie hatte auch zur Kenntnis genommen, dass da eine Nonne zugegen war, Bhikkhunī Manisha3, die bei der allgemeine Begrüßungsfeier etwas in den Hintergrund geraten war. Sie sprach daher – gleich nachdem die Begrüßungszeremonie beendet war – Bhikkhunī Manisha an und bat sie um ein Gespräch unter vier Augen. Die beiden gingen etwas vom Gasthof weg und setzten sich ans Ufer des Sees, dort fragte Taracitta ganz offen: „Es wundert mich, dass du als Nonne hierherkommst, bist du des Lebens im Kloster überdrüssig oder was ist der Grund?”
„Nein Taracitta, das bin ich keineswegs. Ich bin vielmehr die Enkelin von Nilay, wir beide, du und ich, wir sind also verwandt. Nilay hat viel von seiner Schwester, also deiner Mutter, erzählt. Mir imponierte das, was sie getan hat, und ich wollte auf ihren Spuren wandeln, daher bin ich ins gleiche Kloster gegangen wie deine Mutter – aber mit der Absicht, hinterher mit hierher zu kommen. Was ihr hier macht, eine Sangha von Nichtordinierten, die wirklich den Dharma in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen, finde ich ganz toll. Aber ich finde auch das Leben als Mönch oder Nonne toll, es ist anders, aber mit Sicherheit nicht weniger wertvoll. Dann hat mich Devamitta darauf angesprochen, hat gesagt, dass er hier ein Kloster gründen will und dass auch eure Schwester Maria das zölibatäre Leben bevorzugt. Also haben Devamitta und ich uns gesagt, dass wir hierherkommen und versuchen, sowohl ein Mönchs- als auch ein Frauenkloster aufzubauen.
Taracitta war ganz begeistert: „Amita hat mir und meiner Schwester gegenüber immer von ihrem Kloster geschwärmt – es wäre wunderbar, hier auch so etwas aufzuziehen. Tatsächlich hat sich meine Schwester Maria schon in eine Eremitage hier in der Nähe zurückgezogen. Sie und zwei weiter Frauen leben dort. Was hältst du davon, wenn wir jetzt sofort dorthin gehen?”
„Nichts lieber als das!”
Also machten sich die beiden Frauen auf den nur etwa eine halbe Stunde dauernden Weg zur Fraueneremitage. Als sie in Sichweite der Eremitage waren, entdeckte Uma – eine der beiden Frauen, die mit Maria dort lebten – sie. Uma rannte sofort ins Haus: „Maria, stell dir vor Taracitta kommt mit einer Nonne!”
Die war natürlich höchst erstaunt und kam selbstverständlich auch nach draußen. Tatsächlich, da kam Taracitta zusammen mir einer Nonne – oder stimmte das etwa nicht? Diese Frau da in der Robe sah sehr jung aus, eigentlich zu jung für eine Nonne!
Taracitta aber strahlte übers ganze Gesicht: „Stell die vor, Bhikkhunī Manisha wird als Nonne bei uns bleiben, und wir haben jetzt auch einen Mönch in der Mettā-Sangha – Devamitta!”
Maria runzelte die Stirn: „Devamitta, das ist doch der Name, den Vater hatte, als er noch im Kloster Weiße Wolke war?”
„Richtig, Maria! – Und du wirst es nicht glauben, dieser Mönch kommt auch vom Kloster Weiße Wolke – und noch besser: es ist unser Bruder!”
„Nilay ist zurück?!”
Jetzt griff erstmals Bhikkhunī Manisha ins Gespräch ein: „Ja, und Nilay ist auch da, mein Großvater Nilay ist auch gekommen!”
Zunächst stutzte Maria ob dieser Namen – Nilay und Devamitta – damit hatte sie bisher andere Personen verbunden, doch dann wurde ihr alles klar: „Ah, jetzt verstehe ich: Amitas Bruder ist dein Großvater!” Jetzt fielen sich Maria und die Nonne mit Freudentränen in den Augen in die Arme.
Numehr kam auch Riya dazu – die andere Frau, die mit Uma und Maria zusammen in der Fraueneremitage lebte. Anschließend setzten sich die vier Frauen zusammen und erzählten sich ihr bisheriges Leben.
Yuz, Amita und Devamitta hatten inzwischen den Gasthof verlassen und sich im Haus der hl. Familie zusammengesetzt. Amita hatte nunmehr den Vorschlag gemacht, Devamitta ab sofort Mahadevamitta4 zu nennen, damit er in Erzählungen nicht mit seinem Vater verwechselt wurde – und dieser Vorschlag war freudig angenommen worden. Natürlich musste Mahadevamitta von seiner Zeit in der Fremde erzählen.
„Du hast wirklich meinen Apostel Thomas getroffen?” fragte Yuz. Und Mahadevamitta erzählte nun ausführlich, was sich zugetragen hatte, schließlich fragte er seinen Vater. „Was hältst du von seiner Missionstätigkeit?”
„Ach – weißt du, ich fürchte, es wird nicht allzu nachhaltig sein. Ich halte es auch für falsch, sich bei der Verbreitung meiner Lehre in erster Linie auf die Juden zu stützen – da ist doch immer dieses alte JHWH-Bild im Kopf. Andererseits bin ich ja auch, als ich nach Bhārat Gaṇarājya ging, hier ins Kashmirtal gegangen, weil ich hier Juden erwartete. Aber so wie du das schilderst, ist das, was der Thomas da verbreitet, nicht unbedingt meine Lehre. Er wartet – und ich fürchte die anderen Apostel auch – auf die Wiederkehr eines Messias, eines himmlichen Heilsbringers und verbindet das mit meiner Person. Ich aber habe meine Jünger immer aufgefordert, selbst zu handeln. Nur wenn wir uns bemühen, das Himmelsreich auf Erden aufzubauen, ist es möglich, ebendieses zu errichten. Unser Ansatz hier mit der Mettā-Sangha ist besser: Ws ist genau dieser Versuch, das Himmelsreich auf Erden zu errichten. Wir sind ein Leuchtturm-Projekt – und hoffen und arbeiten auch daran, dass das Schule macht. Und zu Thomas: Ich bin sicher, dass das, was er da verbreitet, besser ist als der Brahmanismus. Möge er also in Kerala Erfolg haben – aber mit mir, mit uns hat das nichts zu tun.”
Mahadevamitta wechselte dann das Gesprächsthema: „Ich vermisse Maria und Taracitta? Wo stecken die beiden?”
Amita freute sich, dass ihr Sohn endlich nach seiner zweiten Schwester fragte: „Ich habe habe Taracitta mit Bhikkhunī Manisha vorhin in Richtung der Fraueneneremitage gehen sehen...”
„Fraueneremitage?”, wunderte sich Mahadevamitta.
Amita nickte: „Seit einiger Zeit lebt Maria mit zwei anderen Frauen in einer Eremitage, eine halbe Stunde von hier.”
„Das ist ja prima, dann kann da mit Bhikkhunī Manisha zusammen allmählich so etwas wie ein Nonnenkloster entstehen. Mutter, genau das schwebt mir auch für mich vor!”
„Es gibt inzwischen auch eine Männereremitage, in der vier Männer wohnen!”
In diesem Moment öffnete sich die Tür und Bhikkhunī Manisha, Taracitta und Maria kamen herein. „Wenn man von euch spricht!” freute sich Yuz.
Mahadevamitta war vor Freude aufgesprungen, lief auf seine Schwester zu, umarmte sie und küsste sie auf beide Wangen und die Stirn.
Maria war ganz komplex: „So hatte ich mir meine erste Begegnung mit einem Mönch nicht vorgestellt!” In der Tat hatte Mahadevamitta in heftigster Weise gegen all das verstoßen, was an Regeln für das Verhalten von Mönchen gegenüber Frauen galt, der aber wischte die Bedenken mit einer Handbewegung fort.
„Liebe Maria – ich habe so oft an dich gedacht, dass mir dann die Idee kam, Bhikkhunī Manisha so wie deine Mutter damals ins Kloster Ghora Katora zu bringen, sie wurden dann – wie auch deine Mutter – von Ayya Karuna ausgebildet. Mein Ziel ist es hier in der Nähe – also so wie eure Eremitage – zwei Klöster zu erreichten, jeweils eins für Nonnen und für Mönche.”
Maria schaute ihren Bruder skeptisch an: „Wie soll das denn gehen? Insbesondere für Nonnen sehe ich da keine Chance. Eine Nonne muss Novizin in einem Kloster gewesen sein – und anschließend von mehreren Nonnen gemeinsam ordiniert werden. Bhikkhunī Manisha kann das hier also gar nicht leisten.”
„Meine liebe Schwester, du hast jetzt in der Eremitage zwei Frauen, das können allmählich doch auch noch mehr werden. Wir könnten aber z. B. schon bald dich und diese beiden Frauen nach Ghora Katora bringen, dort könntet ihr Novizinnen werden, dann ordiniert werden und wir holen euch einige Jahre später wieder ab, und bringen weitere Frauen hin. Durch solch ein Schwesterkloster kann aus deiner Eremitage allmäglich ein Kloster werden. Bei den Männern machen wir es genau so. In zwanzig Jahren haben wir dann hier zwei Klöster: Das Mettā-Sangha-Männerkloster und das Mettā-Sangha-Frauenkloster.”
„Aber
diese
weite Reise, das dauert doch viele Monate – und gerade
für Frauen ist das gefährlich”, waren Marias Bedenken.
Mahadevamittta aber hatte bereits einen Plan: „Das bekommen wir hin, Schwesterherz! Alle vier Jahre machen wir einen Novizinnen- und Novizen-Anfängertreck nach Ghora Katora und weiter zur Weißen Wolke. Dabei können Männer und Frauen durchaus noch zusammen reisen. Auf der Rückreise werden die ordinierten Mönche und Nonnen, die vier Jahre zuvor hingebracht wurden, abgeholt. Hierbei muss dann natürlich in zwei Gruppen gereist werden, Männer und Frauen getrennt. Ich habe sogar schon mit zwei Personen gesprochen, die die Strecke und die Probleme kennen, einem jungen Mann und einer jungen Frau, mit Parvati und Nadesh. Zur Vorbereitung setzen sich diese mit euch Eremiten und Eremitinnen zusammen und planen die Einzelheiten. Die Planung könnte noch diese Woche beginnen.”
Schon an diesem Abend wurde im Haus der heiligen Familie weitere Überlegung zum Klosterprojekt besprochen, dem nächsten ganz großen Projekt der Mettā-Sangha.
Sehen wir uns noch eine erste Begegnung der neuen Siedler mit der Dharma-Schulung an, sie fand am übernächsten Tag im Tempel statt – weil der eigentliche Schulraum natürlich von den regulären Schülern belegt war. Es versammelten sich also alle neuen Siedler (außer Bhikkhunī Manisha und den beiden jüngsten Kindern der achtköpfigen Familie) im Tempel. Wie bei der Mettā-Sangha üblich, gab es zwei Lehrer, einen Mann und eine Frau, das waren der 59-jährige Jawaharlal und die 23-jährige Karunacitta, die Tochter von Taracitta.
Karunacitta begrüßte die neuen Siedler: „Es freut mich, dass wir euch hier in den ersten vier Tagen zusammen unterrichten können. Natürlich wissen wir ebenso wie ihr, dass eure Dharma-Kenntnisse sehr unterschiedlich sind, gerade deshalb sind wir hier vier Tage zusammen. Und gerade deshalb sind es auch nur vier Tage. Wir beide, Jawarhalal und ich, kennen alle Klassen und Diskussionsgruppen, die es derzeit hier in der Mettā-Sangha gibt. Unsere Aufgabe wird es sein, euch der jeweiligen Studiengruppe zuzuteilen, die für euch die sinnvollste ist. Das wird dazu führen, dass ihr vielleicht nicht mit euren Freunden und Familienmitgliedern zusammen seid. Aber ihr werdet schnell neue Freunde finden – und mit euren alten Freunden könnt ihr euch ja außerhalb des Unterrichts weiter treffen. In diesen ersten vier Tagen werden wir uns mit einem Thema befassen, dem Stufenweg zur Befreiung, zur absoluten Freiheit, zu Vimutti5, also den einzelnen Schritten, wie man sich entwickeln kann, wie man sich entwickeln sollte.” Karunacitta nickte Jawaharlal zu, und der übernahm.
„Es geht also um den Stufenweg von ganz unten nach ganz oben. Wir beginnen dort, wo wir gerade sind, und der Weg endet, wenn wir ein Heiliger oder eine Heilige sind – nur die allerwenigsten schaffen den ganzen Weg allerdings in nur einem Leben.”
Parvati meldete sich: „Aber ist der Weg denn nicht für jede Person anders, wir beginnen doch an unterschiedlichen Stellen.”
Jawaharlal nickte: „Wir sind am Anfang alle unterschiedlich, aber wir haben eines gemeinsam: es gibt Dinge unter denen wir leiden. Daher ist der erste Schritt, uns von diesem Leiden zu erlösen. Ich werde dir ein Beispiel nennen. Wir beide hier vorn, Karunacitta und ich, hatten völlig unterschiedliche Ausgangssituationen. Ich war scheinbar in einer privilegierten Position: Ich war ein Kṣatriya, ich dünkte mich als etwas Besseres als die meisten hier in der Mettā-Sangha. Als ich das erste Mal mit meiner Frau hier war, war ich noch ganz schön hochnäsig, so ein richtig blöder Kṣatriya. Karunacitta hingegen ist in der Mettā-Sangha aufgewachsen, in einer kastenfreien Situation, ohne diese Privilegien. Ich kann mich aber noch daran erinnern, als ich Karunacitta erstmals sah. Sie war ein Baby – und sie schrie ganz fürchterlich. Ich weiß nicht warum, aber sie muss zumindest in diesem Moment unter etwas gelitten haben – vielleicht hatte sie Bauchschmerzen, wer weiß? Jedenfalls litt sie unter etwas, von dem sie als kleines Baby nicht wusste, ob es jemals verging oder was sie tun könne, damit es vergeht. Das arme Baby litt, es war in diesem Moment im Leiden gefangen.
Ich litt früher auch. Aber mein Leiden war anders: Ich glaubte an die Kasten-Regeln, ich war ein Kṣatriya, ich war ein Offizier, ich zog in den Krieg und habe schreckliche Dinge gesehen – und ich habe auch schreckliche Dinge getan. In mir kämpfte dann das moralische Empfinden – und die Pflichten meiner Kaste gegenüber. Ich war verzweifelt. Ich soff. Und ich war aggressiv. Einmal habe ich mein Baby so getreten, dass es gegen die Wand flog. Einmal habe ich meiner Frau sogar mit meinem Schwert einen Arm abgehackt.”
Man konnte das Entsetzen der neuen Siedler sehen. Nadesh fragte: „Was ist aus deiner Frau und dem Kind geworden?”
„Meine Frau ist mit ihrem Kind vor mir geflohen. Sie ist hierher geflohen, in die Mettā-Sangha, ihr habt sie vielleicht schon gesehen oder werdet sie bald sehen: Es ist die einzige einarmige Frau im Ort. Sie arbeitet in Ākāśaloka und manchmal auch noch bei der Kinderbetreuung. Mein Sohn heißt Raj-i, also nicht der Raj, der Geschäftssführer, sondern Raj-i, er ist inzwischen hier auch Lehrer und unterrichtet jetzt gerade nebenan im Schulgebäude.”
„Und wieso bist du jetzt hier in der Mettā-Sangha? Meiner Meinung nach gehörst du in den Kerker!” Dhiren schien ziemlich verärgert über das, was er da von seinem Lehrer gehört hatte.
Jawaharlal stimmte ihm zu: „Meiner damaligen Meinung nach hätte ich sogar mit dem Tode bestraft werden sollen! Amita und Yuz waren damals Zeuge, als ich meiner Frau den Arm abschlug – dann bin ich geflohen. Nach zwei Jahren war ich ein menschliches Wrack und wollte nur noch sterben. Ich kann hierher und legte mein Schwert vor Yuz auf den Boden und bat ihn, mich zu richten. Mit dem Schwert! Irgendjemand rief dann: `Yuz richte ihn, wie es mit dem Dharma im Einklang ist´. Dann hat Yuz das Schwert weggelegt und hat mich verurteilt in Ākāśaloka die schmutzigsten Arbeiten zu verrichten, alles was mit Fäkalien zu tun hat – und am Schulunterricht teilzunehmen. Ich war ihm unendlich dankbar – und bin es noch heute. Ich habe unerschütterliche Vertrauen in Yuz und in Amita, die damals meiner Frau das Leben gerettet hat.”
Allgemein herrschte Schweigen, betretenes Schweigen, ungläubiges Schweigen. Das war so viel anders, als alles das, was sie da draußen in der Welt kannten.
Karunacitta nutzte das, um zum eigentlichen Thema zurückzukommen: „Wir lernen in diesem vier Tagen den Stufenweg zur Befreiung kennen, den Stufenweg zu Vimutti. Und wir sind mitten im Thema. Die erste Stufe ist Dukkha, ist die Tatsache, dass etwas unzufriedenstellend läuft, vielleicht sogar ausgesprochen leidhaft. Ihr habt von meinem recht kleinen Problemchen als Baby mit der Verdauung gehört und von den ungleich größeren, die Jawaharlal hatte. Dukkha, das Unbefriedigende, das vielleicht sogar Leidvolle, ist der Ausgangspunkt auf userem Pfad. Wenn wir dann einer möglichen Lösung begegnen, können wir Śraddhā entwickeln – Vertrauen. Ich habe als Baby gelernt, dass ich mich auf meine Eltern verlasssen kann. Sie haben mich in der Tat nie enttäuscht – bis auf den heutigen Tag. Meine Eltern verkörpern für mich den Dharma, die gute Lehre, zu der habe ich absolutes Vertrauen. Und Jawaharlal ist meinen Großeltern begegnet – Amita und Yuz – er ist damit dem Dharma begegnen, den sie verkörpern. Und er hat Vertrauen in den Dharma gefasst, als ihm Yuz die Chance gegeben hat, in Ākāśaloka Gutes zu tun. Leiden und Vertrauen – das sind die ersten beiden Schritte des Stufenweges, der übrigens hier angeschrieben ist, alle Stufen des Weges bis zur Befreiung. Karunacitta zeigte auf eine Liste an der Wand und las sie vor, da die meisten nicht lesen konnten. An dieser Wand stand:
dukkha – das Unvollkommene, das, was nicht rund läuft
śraddhā – Vertrauen (in den Dharma)
yoniso manasikāra – weises Erwägen
sati-sampajañña – Achtsamkeit und Wissensklarheit
indriyasamvara – Zügelung der Sinne
sīla samvara – ethisches Verhalten
avippatisāra – Gewissensreinheit
pāmojja – Freude
pīti – Verzückung, Begeisterung, Ekstase
passaddhi – Beruhigung
sukha – Glückseligkeit
samādhi – tiefe Meditation, Versenkung
yathābhūta-ñānadassana – Erkennen der Realität
nibbidā – Rückzug, Loslassen
virāga – Abgeschiedenheit
vimutti – Befreiung
āsavakkayañāna – Wissen um die Zerstörung der Triebe
Karunacitta erklärte die ersten beiden Schritte weiter: „Und wenn es uns gelingt, wirklich Vertrauen in dem Dharma zu fassen, dann haben wir den ersten Schritt auf dem Weg gemacht – und dann sind wir auch bereit, die weiteren Schritte zu gehen, bis hin zur Befreiung!“
Die Zuhörer freuten sich, das zu hören.
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Fußnoten
1 Der Name lässt sich in etwa mit „Engel der Barmherzigkeit“ übersetzen.
2 Jammu ist heute (seit 2019) die Hauptstadt des indischen Unions-territoriums Jammu und Kashmir. Sie liegt unmittelbar am Rande des Himalaya. Das Kaschmirtal, indem sich die Mettā-Sangha befindet, ist ein Tal im süd-westlichen Teil des Himalaya.
3 Von hier an werden wir die Mönche und Nonnen gewöhnlich mit ihrem bürgerlichen Namen und dem Zusatz Bhikkhu bzw. Bhikkhunī bezeichnen, auf diese Weise lassen sich die Namen leichter merken. Eine Ausnahme hiervon ist Devamitta, der sonst zu leicht mit Nilay verwechselt werden könnte.
4 Maha- heißt groß, so wird meist der der länger Ordinierte von zwei Mönchen gleichen Namens bezeichnet – und Mahadevamitta (Nilay) war inzwischen bereits länger im Orden als es sein Vater jemals war.
5 Vimutti (Befreiung) ist das höchste Ziel in der Mettā-Sangha, man ist dann befreit vom Ego und somit auch von der Wiedergeburt, man ist ein oder eine Heilige
Erläuterungen
Ākāśaloka – ākāśa = blauer Himmel, Weltraum, Universum; loka = Ort, Lokalität; dann bedeutet also ākāśaloka = “Himmelsort”, “himmlischer Ort” oder eben “Ort des himmlischen Friedens”. In dieser Erzählung heißt, das Pflegeheim und Krankenhaus so.
Benares – (heute: Varanasi im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, die bisauf das 11.Jh. v.u.Z. Zurückgeht). Es ist die Stadt, wo der Buddha erstmals den Dharma darlegte. Sie gilt als spirituelle Hauptstadt Indiens und zieht nochheuteunzählige Hindu-Pilger an, die hier im heiligen Wasser des Ganges baden und Bestattungsrituale vornehmen. In den gewundenenStraßen derStadt liegen rund 2.000 Tempel.
Bhārat Gaṇarājya – (Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien
Bhikkhu = Mönch
Bhikkhuni = Nonne
Bodh-Gaya – Stelle, an der der Buddha seine Erleuchtung erreichte. Das Wort ist zusammengesetzt aus bodh- (Erwachen, Erleuchtung) und Gaya (Name der nahegelegenen Stadt)
Bodhi – siehe Erwachen
Bodhi-Baum - Baum, unter dem der Buddha saß, als er „erwachte“, also zur Zeit seiner Erleuchtung
Brahmā – einer der Hauptgötter des Hinduismus, er gilt dort als derSchöpfer. Der Buddhismus kennt keinen Schöpfergott.
Brahmanen – eine der Kasten im Hinduismus, nur Brahmanen dürfen religiöse Rituale vollziehen
Brahmanismus – indische Religion, in der (u.a.) einen Brahman (Gott) verehrt wird. DerB.heute als Hinduismus bezeichnet.
Buddha – wörtlich: Erwachte/r; eine Person, die das Ziel des Buddhismus erreicht hat und damit befreit ist von den Fesseln des Ichglaubens.
Devas – „Götter“ im Hinduismus und Buddhismus, etwa vergleichbar mit den Engeln im Judentum, Christentum und Islam
Dharma – hier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. DasWortbedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.
Dharma-Cakra – das achtspeichige „Rad der Lehre“ das Symbol für den Dharma („Buddhismus“), die acht Speichen stehen für den Edlen Achtfältigen Pfad.
Dīgha Nikāya - Die Sammlung der längeren Lehrreden, sie enthält die 34 längsten Lehrreden des Buddha.
Dukkha – ein zentraler Begriff der Lehre Buddhas, am einfachsten mit „Unvollkommenheit“ oder „Unzulänglichkeit“ zu übersetzen, besser wäre „das Gefühl, dass etwas letztendlich nicht vollkommen zufriedenstellend ist. Älteste Übersetzungen von Buddhas Lehre übersetzten „Leiden“, was dazu führte, dass der Buddhismus als pessimistisch galt, denn letztendlich ist alles Vergängliche unvollkommen (dukkha).
Edle Achtfältige Pfad, der – erste und zentrale Beschreibung des Buddha für den Pfad zur Erleuchtung. Hier werden acht Baustellen genannt, an denen wir arbeiten müssen: 1. Rechte (oder Vollkommene) Vision (Ansicht), 2. Rechte Entschlossenheit, (3) Rechtes Denken, (4) Rechtes Handeln, (5) Rechter Lebenswandel, (6) Rechtes Bemühen, (7) Rechte Achtsamkeit, (8) Rechte meditative Versenkung
Erwachen – andere spirituelle Traditionen sprechen von Erleuchtung, im Buddhismus verwenden wir besser den Ausdruck „Erwachen“ für das, was der Buddha erreicht hat. Während unter „Erleuchtung“ jeder etwas anderes verstehen kann, beschreibt „Erwachen“ das spezifisch Buddhistische, die Tatsache, dass die erwachte Person die drei Wesensmerkmale Leidhaftigkeit, Vergänglichkeit und Ichlosigkeit völlig verwirklicht hat. Es ist für die erwachte Person so, als sei alles, was vorher war, so absurd und unlogisch wie ein Traum, daher der Ausdruck „Erwachen“.
Erwachter – die deutsche Übersetzung von “Buddha”
Jammu – Stadt in Indien, heute zweitgrößte Stadt des indischen Unionsterritoriums Jammu und Kaschmir. Sie ist die zweitgrößte Stadt dieses Territoriums und dient wegen ihren milderen, subtropischen Klimas im Winter als die Hauptstadt des Territoriums. Im Sommer ist die Hauptstadt die größte Stadt dieses Territoriums, Srinagar, die in etwa dort liegt, wo sich die Mettā-Sangha unseres Buches befunden haben soll.
JHWH – ist der Eigenname des Gottes im Tanach. Da es in der hebräischen Schrift keine Vokale gibt enthält er keine Konsonanten. Ausgesprochen wird er Jahwe, oder auch Jehova.
Karma – im Buddhismus jede absichtlich ausgeführte Handlung. Es wird davon ausgegangen, dass Handlungen Folgen haben, die (auch) auf den Verursacher zurückwirken. Im Hinduismus hingegen wird meist davon ausgegangen, dass es karmisch heilsam sei, sich an die Regeln und Beschränkungen seiner Kaste zu halten und die Brahmanen (bezahlte) Opfer für einen bringen zu lassen.
Kaste – die indische Gesellschaft wird gemäß der hinduistischen Religion in streng voneinander abgetrennte Kasten eingeteilt, die wichtigsten Kasten sind die Brahmanen (Sanskrit: ब्राह्मण, brāhmaṇa = Priester), kṣatriya (Sanskrit: क्षत्रिय, Adel, Krieger, Beamte) und die vaiśya (Sanskrit: वैश्य = Kaufleute, Händler, Großgrundbesitzer) und śūdras (Sanskrit शूद्र, = Arbeiterklasse incl. Handwerker), darunter stehen die Dalits (Kastenlose, Unberührbare). Auf diese Art schuf der Hinduismus eine Apartheidsgesellschaft mit einer arischen Mittel- und Oberschicht, und einer indigenen Bevölkerung, die man nicht einmal berühren durfte; so sollte eine Rassenvermischung verhindern werden.
Kṣatriya (Sanskrit: क्षत्रिय) höchste indische Kaste, umfasst Adel, Krieger, Beamte
Majjhima Nikāya = Mittlere Sammlung, in diesem Teil des Pāḷi-Kanons sind die mittellangen Lehrreden des Buddha zusammengestellt, 152 Stück an der Zahl
Mettā – (Pāḷi) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung,(nichterotische)Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es ist das,was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind.
Mettā Bhāvanā – Meditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) mettā für sich selbst, (2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) füreineneutral besetzten Person, (4) für eine schwierige Person (Feind) und (5) für allen fühlenden Wesen.
Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft
Pāḷi – Pāḷi ist eine Schriftsprache, in der in erster Linie buddhistische Texte niedergeschrieben sind, sie wurde vom 6. Jhd. v. u. Z. bis zum 10 Jhd. u. Z. verwendet (mittelindische Zeit), ältere Texte sind altindisch, die zuständige Schriftsprache ist Sanskrit. Es wird angenommen, dass Pāḷi aus dem Dialekt Magadhi abgeleitet wurde, dem Dialekt, der in Maghada, gesprochen wurde, einem der nordindischen Staaten, in dem sich der Buddha oft aufhielt. Das Wort Pāḷi bedeutet „Textzeile“, woraus schon deutlich wird, dass es sich um eine typische Schriftsprache handelt.
Pāḷi-Kanon – älteste Schriftensammlung des Buddhismus, hier sind u.a. die Lehrreden des Buddha enthalten.
Pataliputra – Die Stadt (das heutige Patna) an der Mündung des Son in den Ganges wurde zu Buddhas Zeit von König Ajatasattu (unter dem namen Pataligama) gegründet worden. Ajatasattus SohnUdayin machte sie dann zur Hauptstadt des Königreiches Maghada. Sowohl der Buddha als auch Mahavira besuchten die Stadt mehrfach und im Jahr 253 v.u.Z. fand hier dasdritte buddhistische Konzil statt.
Prakrit (Sanskrit: prākṛta) ist die Bezeichnung für diejenigen indoarischenSprachen,die in der sprachgeschichtlichen Entwicklung auf das Altindische folgten. Sie wurden etwa in der Zeit vom 6. Jahrhundert v. Chr.bis zum 11. Jahrhundert n. Chr. gesprochen.
Rājagṛha – zu Buddhas Zeiten die Hauptstadt des Königreichs Maghada. Hier fand kurz nach Buddhas Tod das erste buddhistische Konzil statt. Heute ist die 50.000 Einwohner zählende Stadt relativ unbedeutend, sie heißt jetzt Rajgir und liegt im indischen Bundesstaat Bihar. In unmittelbarer Nähe lag die größte buddhistische Universität, wo gleichzeitig etwa 15.000 Studierende von 1000 Professoren unterrichtet wurden (Diese Zahlen beziehen sich aufs 5. Jhd. u.Z.)
Saṃyutta Nikāya - („Die Gruppierte Sammlung“) ist eine Sammlung buddhistischer Texte; sie ist eine der fünf Nikāyas (Sammlungen), aus denen die Suttapitaka (Korb der Lehrreden) besteht. Der „Korb der Lehrreden“ ist einer von drei „Körben“, die den Pāḷi-Kanon ausmachen. Das Wort „Korb“ wird verwendet, da bei den Konzilen die Titel der Lehreden auf Palmblättern notiert waren, und diese für die Kanonisierung in Körben vorsortiert wurden.
Sangha – spirituelle Gemeinschaft, meist für die Gemeinschaft der SchülerinnenundSchüler des Buddha. (Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nur Erleuchtete.)
Sanskrit – eine altindische Schriftsprache, die um 1500 v.u.Z. entstand, um dieVeden,die heiligen Texte des Hinduismus niederzuschreiben.
Śraddhā – (sanskr., auf Pāḷi: Saddhā) gläubiges Vertrauen, Vertrauen in die den Buddha, den Dharma und den Sangha
Tanach - oder Tenach (hebr. תנ״ך TNK) ist eine von mehreren Bezeichnungen für die Hebräische Bibel, die Sammlung der heiligen Schriften des Judentums er enthält unter anderem die Tora (Weisung). Das Christentum hat alle Bücher des Tanach - etwas anders geordnet – übernommen. Sie sind das Alte Testament.
Uposatha – heißt wörtlich Fastentag. Alle sieben Tage ist Fastentag: bei Neumond, bei Vollond und bei Halbmond (es galt der Mondkalender). An diesen Tagen waren die Laienanhänger der Jains dazu aufgerufen zu leben wie die Mönche an den übrigen Tagen, die Mönche aber fasteten. Die Regeln bei den Buddhisten sind anders, dort sollen zwar die Laien auch enthaltsam leben und auf alle Unterhaltung (Musik, Gesang, Theater) verzichten. Die Mönche machen an diesem Tag das “Eingeständnis von Fehlern”, eine Art Beichte.
Vesakh - erinnert an die Geburt und das Erwachen des Buddha. Es richtet sich nach dem Mondkalender und wird bei Vollmond im Mondmonat Vesakh gefeiert, das ist im April oder Anfang Juni.
Vimukti (oder in Pāḷi: vimutti) – Befreiung, ist gleichbedeutend mit Erwachen oder Erleuchtung, man ist befreit vom Ego und damit auch von Wiedergeburt
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