Das Bewusstseinselement
letzte Änderungen: 2015-05-25
Vortrag von Horst Gunkel aus der Reihe „Erdverbundene, körperbetonte Meditation“



Ich habe in den vergangenen Vorträgen über die unterschiedlichen Elemente in der klassischen Einteilung gesprochen:  fast alle traditionellen spirituellen Systeme und Philosophien kennen vier bis sechs Grundelemente. Im alten Griechenland, dem Herzen der antiken europäischen Kultur, wurden ebenso vier Grundelemente verehrt wie im alten Indien, dem Herzen der südasiatischen Philosophie, und es waren die gleichen vier Elemente: Erde, Wasser, Luft und Feuer.

Später wurde dies sowohl im alten Griechenland als auch in Indien um ein fünftes Element ergänzt, die fünfte Essen, die Quintessenz, die die übrigen vier umfasst, nämlich Raum (griechisch: Aither, sanskrit: akasa).

Aber sowohl in Griechenland als auch in Indien wurde schließlich ein weiteres wesentliches Element hinzugefügt, das insbesondere von den ersten Vieren sehr verschieden war, ein Element, das man als „Geist“ oder „Bewusstsein“ bezeichnen kann. In Griechenland wurde dieses Bewusstseinselement unterschiedlich gedeutet und in verschiedenen philosophischen und spirituellen Schulen unterschiedlich abgegrenzt. Es wurde in diesen unterschiedlichen Definitionen als pneuma, als nous, als psyche oder als daimon bezeichnet. Hier ist nicht der Ort darauf näher einzugehen.

In Indien trägt das Bewusstsein den Namen vijnana und es wird auch nicht immer einheitlich verwendet, auch nicht in den verschiedenen buddhistischen Schulen. Ohne auf die einzelnen Unterschiede einzugehen, will ich hier das darlegen, was ich als das Wesentliche des Bewusstseinselementes ansehe.

Bewusstsein ist ganz eng mit Wahrnehmung verbunden. Gewöhnlich wird daher von Sehbewusstsein, Hörbewusstsein usw. gesprochen. In der indischen Sicht gibt es sechs Sinne, das sind zum einen die fünf Sinne, die wir auch in Europa kennen, also Sehen, Hören, Tasten, Schmecken und Riechen. Dies sind gewissermaßen die Eingabeeinheiten unseres psychosomatischen Organismus´. Als sechster Sinn kommt nach indischer Zählung noch das Denken hinzu, das von etwas anderer Art ist. Im Denken werden gewissermaßen die durch die Eingabeeinheiten, also die äußeren Sinne, wahrgenommenen Erscheinungen interpretiert, verknüpft, gedeutet und daraus Schlüsse gezogen und Hypothesen aufgestellt. Dieses Denkbewusstsein entspricht in etwa dem, was wir Europäer als Geist oder Bewusstsein bezeichnen würden.

Dieses Bewusstsein ist sehr rasch wandelbar, da
 

1. beständig neue Sinneneindrücke Modifikationen des Bestehenden erfordern

2. diese auch von Stimmungen abhängig sind

3. unterschiedliche, teilweise sich ausschließende Hypothesen aufgestellt werden und deren Wahrscheinlichkeit abgewogen werden kann

4. das Vorgehen dabei nicht immer logisch ist, aber immer als Funktion von sich ändernden Bedingungen auftritt. Der Buddha formulierte als zentrale Lehre das Prinzip von paticcasamuppada, von Bedingtem Entstehen.

5. Zu unserem Bewusstsein gehören auch emotionale Verfasstheiten wie Freude, Begeisterung, Enttäuschung, Hoffnung usw., also ganz viele Merkmale, von denen wir wissen, dass sie sich äußerst schnell ändern.

Gerade für diese rasch schwankende Stimmungen ist es nur allzu deutlich, dass sie nichts Festes sind, für sie gilt Buddhas Beschreibung: Das bin ich nicht, das gehört mir nicht, das ist nicht mein Selbst.

Weiterhin zeigt sich, dass Bewusstsein (vijnana) im Zusammenhang von den drei Geistestrübungen, also von Verlangen, Abneigung und Verblendung geprägt ist, letzteres kann man auch als geistigen Projektionen bezeichnen. Vijnana ist also eine Bezeichnung für den unerleuchteten Geist.

Im Gegensatz zu den Schöpfungsreligionen ist es also nicht der vollkommene Geist, der am Anfang steht, es gibt vielmehr einen Lernprozess, eine Evolution, in der sich der Geist vervollkommnet, von rudimentären geistigen Prozessen im Reiz-Reaktions- Schema über den sich entwickelnden Geist bis zum vollkommenen Wesen, das frei von allem Wähnen ist, das sich von den Geistesgiften Verlangen, Abneigung und Verblendung (Projektionen) vollständig emanzipiert hat, und das wir in unserer spirituellen Tradition als Buddha bezeichnen.

Bringen wir die ethische Dimension in diesen Lernprozess hinein, so hat Handeln nicht nur physikalische, chemische und biologische Folgen, sondern auch karmische. Wenn ich z. B. einen anderen Menschen schlage, so kann das physikalische Folgen haben, z. B. reißt seine Haut auf, es kann biologische Folgen haben, wenn sich etwa ein Bluterguss bildet und es wird karmische Folgen haben, die teilweise auf die andere Person wirken, wenn sie z. B. wütend auf mich ist, und die teilweise auch auf mich in unterschiedlicher Weise zurückwirken, wenn diese Person (a) zurückschlägt, wenn sie (b) sich von mir zurückzieht, mir die Freundschaft kündigt, wenn sie (c) überall herumerzählt, was ich für ein aggressiver Mensch ich bin und ich dadurch mehr und mehr aus der Gemeinschaft der Menschen verstoßen werde. Umgekehrt kann großzügiges, selbstloses Handeln, das also karmisch positiv ist, dazu führen, mein Ansehen zu steigern, Freunde zu gewinnen, zufriedener zu werden.

Das hier Beschriebene gilt für Karma, das noch in diesem Leben reift. Viele Buddhistinnen und Buddhisten, vermutlich die meisten, glauben auch, dass Karma sich über den Tod hinaus erhält und dass es einen karmischen Erben gibt. Wie das?

Nehmen wir ein Beispiel aus unserem Wirtschaftsleben, das zunächst einmal nichts mit Ethik und mit Karma zu tun hat, wohl aber mit Verdiensten, mit materiellen Verdiensten nämlich. Unsere materiellen Verdienste sammeln wir üblicherweise nicht unter dem Kopfkissen und nicht auf einem Karmakonto, sondern auf einem Bankkonto. Dabei ist es völlig egal, ob es sich dabei um ein Girokonto, ein Sparkonto, ein Festgeldkonto oder ein Wertpapierkonto handelt. Wir sammeln unsere Verdienste in der materiellen Welt an, um später darauf zurückgreifen zu können.

Was geschieht mit unseren materiellen Verdiensten in unserem Todesfall? Nun, das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen, wir können diese Verdienste nicht mitnehmen. Selbst wenn wir an ein Leben nach dem Tod glauben, sei es an Wiedergeburt oder an ein Leben im Paradies, vielleicht auch in der christlichen Hölle: wir können auf diese Verdienste nicht zugreifen, um beispielsweise den Teufel zu bestechen.

Was geschieht aber mit unserem Bankkonto nach unserem Tod? Nun, es wird auf unsere Erben übertragen, das kann eine oder mehrere natürliche Personen sein oder auch eine juristische Person, ggfs. sogar der Staat, der auch eine juristische Person ist. Nehmen wir der Einfachheit halber an, es handele sich um eine natürliche Person, wirklich nur um einen einzelnen Menschen, vielleicht der Sohn oder die Tochter des Erblassers. Dann haben wir also die Ansammlung materieller Verdienste auf einem Konto, das von Todes wegen auf eine dritte Person übertragen wird.

Wie sieht es mit unseren spirituellen Verdiensten, unseren karmischen Verdiensten aus? Auch von unseren karmischen Verdiensten können wir zu Lebzeiten zehren. Hier ist das Ursache-Wirkungs-Verhältnis zwar nicht ganz so klar wie bei einem Bankkonto, denn unterschiedliche karmische und andere Handlungsstränge überlagern sich, aber wer zeitlebens allen Wesen in seinem Umfeld nur Gutes getan hat, der wird auch zu Lebzeiten zumindest in einem gewissen Umfang Dankbarkeit, Liebe, Freundlichkeit empfangen – da aber niemand zeitlebens (und vielleicht auch in früheren Existenzen) nur Gutes getan hat, wird das Echo auf unsere Handlungen nicht so positiv sein. Dennoch haben wir die Erfahrung gemacht, dass wenn wir freundlicher, ausgeglichener, wohlwollender sind, uns auch weniger Schwierigkeiten bereitet werden, als wenn wir zu allen anderen hasserfüllt sind.

Wenn wir also Verdienste auf unserem Karma-Konto angesammelt haben, so könnten diese Verdienste irgendwo gespeichert sein. Es gibt zwar keine Karma-Bank, aber es gibt etwas, das man Alayavijnana nennt, Speicherbewusstsein. Ich zitiere hierzu Wikipedia: „Es enthält alle mentalen Reaktions- und Gewohnheitsmuster, die sich in unserer Erfahrungswelt gebildet haben. Diese werden aktiviert durch die Erfahrungen eines bestimmten Momentes.“

Neben diesen Handlungsmustern kann im Speicherbewusstsein auch Karma gespeichert und so von einer Person, gewissermaßen dem Karma-Erblasser auf den Karma-Erben übertragen warden (vgl. William S. Waldron in: Innovative Alayavijnana: „It is this unbroken stream of vijñana that, proceeding from life to life, is virtually the medium of the accumulated potential effects of past actions, of karma.“)

Wobei hierbei bitte auch zu beachten ist, dass dies ein Modell ist. Ein Modell ist nicht identisch mit der Wirklichkeit, aber es ist der Versuch einer vereinfachten, verständlichen Abbildung der komplexen Realität. Es gibt in der buddhistischen Betrachtung also neben dem individuellen Bewusstsein, das Alayavijnana, das gewissermaßen eine Bewusstseinsbank ist.

Unser Bewusstsein ist in gewissen Maße fähig, sich in dieses Alayavijnana einzuloggen und auf Elemente davon zuzugreifen, gewissermaßen auf unser individuelles Konto. In der Psychologie spricht man vom Unterbewusstsein oder auch vom Unbewussten, in dem Dinge gespeichert sind, die nicht nur in dieser Lebensgeschichte abgespeichert wurden, sondern evolutionsgeschichtlich.

Wir haben nur einen sehr beschränkten Zugang zum Alayavijnana, da wir die Mauer zwischen uns und den Anderen noch nicht eingerissen haben. Solange wir uns als getrennt empfinden, haben wir auch nur begrenzten Zugang zum Alayavijnana, gewissermaßen nur zu unserem Konto. Gelegentlich jedoch meldet sich das Unterbewusste, das eigentlich das Überbewusste ist oder noch besser als das Trans-Bewusste, das große Alayavijnana, bezeichnet werden könnte, mitunter haben wir eine Ahnung von dem, was dort noch vorhanden ist, einen schwachen Schimmer davon. Das sind unsere lichten Augenblicke, ein schwaches Aufblitzen von dem, was als Erleuchtung bezeichnet wird, das wir aber auch als das Transzendente oder das Göttliche bezeichnen könnten.

In einem anderen Vortrag (Karma 2.0) habe ich dieses Alayavijnana einmal nicht mit einer Bank vergleichen, sondern mit der Cloud aus dem Internet. In diese Bewusstseins-Cloud, in dieses Alayavijnana, laden wir unser Bewusstsein hinauf, haben aber nur sehr begrenzt Zugang zur Cloud, nämlich fast ausschließlich zu unserem Speicher, der Teil des Gesamtspeichers ist. Dieses Teil-Bewusstsein wird nach unserem Tode in ein anderes Wesen heruntergeladen. Auch das ist nur ein Modell, das allerdings der traditionellen Beschreibung des Theravada nahekommt, wo nämlich gesagt wird, dass das Bewusstsein im Todesmoment mit dem im Wiedergeburtsmoment identisch sei.

Ein weiteres traditionelles Modell ist das der Beschreibung der karmischen Speicher als Samen, als bijas, die im Alayavijnana warten, bis die Bedingungen da sind, dass sie zur Reife kommen. All dies sind verschiedene Modelle, mit denen der unerleuchtete Geist versucht, sich dem anzunähern, was dem Erleuchteten klar ist, wofür es aber keine wirkliche sprachliche Beschreibung gibt, denn Sprache ist Kommunikation auf einer verbalen Ebene, nicht auf der von ultimativer Einsicht. Dort, auf der Ebene erleuchteten Bewusstseins, gibt es vielmehr keine Sprache mehr, sondern nur Vipassana, Klarblick, Sehen, wie die Dinge wirklich sind.

Was wir vom Bewusstsein jedoch mit Bestimmtheit sagen können, ist, dass es Bewusstsein gibt, das dieses Bewusstsein u. a. im Menschen erscheint und beim Tod des Menschen aus dessen körperlicher Hülle verschwindet. Was wir weiterhin mit Bestimmtheit sagen können, ist, dass sich Bewusstsein entwickelt. Bewusstsein entwickelt sich günstigenfalls auf einem Pfad, der in der elementarsten Beschreibung als Dreifacher Pfad beschrieben wird, als Pfad aus Ethik, Meditation und Weisheit.

Das ist ein Pfad, bei dem Lernen, Bewusstseinsentwicklung, vorangeht durch Hören (Input) – Reflexion (Verarbeitung) und Meditation (Vipassana- oder Klarblicksmeditation) und so zur Einsicht, zu bodhi, zu Erwachen, also zur  Erleuchtung führt. Es ist dies der Pfad, den ich zu beschreiten begonnen habe. Es ist ein Pfad, auf dem ich schon einige erste Fortschritte gemacht habe. Es ist ein Pfad, von dem ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit glaube, dass er zum Ziel, zu transzendenter Weisheit und Einsicht in die ultimative Realität führt, und den ich daher jeder und jedem nur wärmstens ans Herz legen kann.
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